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Den Krebs überlebt: Die Rückkehr in den Alltag

Sie erlebten es gerade: Innerhalb von sechs Monaten passiert viel, ein Leben ändert sich. Ende letzten Jahres diagnostizierte man bei Ihnen Krebs. In den darauf folgenden Wochen erlebten Sie zunächst eine Operation und bekamen eine Chemotherapie.

Jetzt bestrahlt man Sie, heute findet die letzte Strahlentherapiesitzung statt. Ihre Ärzte und das Pflegepersonal sind optimistisch bezüglich Ihrer Prognose. Sie erleichtert darüber, alles hinter sich gebracht zu haben.

Sie müssten überglücklich sein, aber haben auch Angst. Jetzt nach den ganzen Behandlungen haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihren Krebs nicht mehr aktiv bekämpfen.

Ihre Einstellung dieser Krankheit gegenüber veränderte sich. Sie sind ein Krebsüberlebender. Sie wissen das zu schätzen, fragen sich aber, was vor Ihnen liegt.

Niemals wieder Krebs?

Sie trösten sich mit dem Gedanken, dass Sie Ihre Krebsbehandlung abgeschlossen haben. Der Spruch „aus den Augen, aus dem Sinn“ trifft für Krebspatienten nicht immer zu.

Unter Umständen durchleben sie eine Phase verzögerter Trauer über Ihre Erfahrungen mit dieser Krankheit. Sie denken über die Veränderungen ihres Körpers und Ihre Verluste nach. Mit der Angst vor der Wiederkehr des Krebses stehen Sie nicht alleine da.

Sie ist unter Krebspatienten weit verbreitet, insbesondere im ersten Jahr nach der Behandlung. Obwohl die Angst mit der Zeit nachlässt, können bestimmte Ereignisse selbst Jahre später Ihre Besorgnis auslösen.

Zu diesen Situationen gehören Arztbesuche, eine Krebsdiagnose bei einem Freund oder Familienmitglied oder die Nachricht über den Krebstod eines Bekannten oder einer unbekannten Person.

Jahrestage wie der Tag der Diagnosestellung, bestimmter Behandlungen oder der letzte Behandlungstag lassen die Erinnerung in vielen Fällen hochkommen. Das gleiche gilt für Momente, in denen Sie krebsähnliche Symptome verspüren.

Was Sie gegen die Angst tun können

Es ist normal, dass Sie nach einer Krebsbehandlung Ihr Leben in die Hand nehmen wollen. Vielleicht beginnen Sie damit, dass Sie mehr über Ihren Krebs erfahren möchten. Sie überprüfen für sich und Ihre Familie die Krebsrisiko-Faktoren.

Darunter fallen genetisch veranlagte sowie den Lebensstil bedingende Faktoren. Weitere Schritte könnten sein:

  • Sie betreiben eine aktive Gesundheitsvorsorge. Diskutieren Sie Ihre Sorgen und Bedenken mit Ihren Ärzten und dem Pflegepersonal. Versuchen Sie mit ihrer Hilfe herauszufinden, welche Symptome auf einen Rückfall des Krebses hinweisen.
  • Suchen Sie nach Möglichkeiten, Ihre Gefühle auszudrücken. Gefühlsbetonte Reaktionen nach einer Krebsdiagnose sind normal, sei es in Form von Furcht, Wut, Ungläubigkeit oder Sorge. Sprechen Sie mit Ihrem betreuenden Arzt darüber. Unter Umständen hilft es Ihnen, mit anderen Betroffenen darüber zu reden, in eine Selbsthilfe-Gruppe zu gehen, mit Freunden, der Familie oder mit einem Psychologen oder Psycho-Onkologen zu sprechen. Das Führen eines Tagebuchs kann darüber hinaus helfen, ebenso kreative Tätigkeiten wie Malen, Zeichnen, Bildhauern oder Fotografieren.
  • Lenken Sie sich vom Krebs ab. Treten Sie einem Verein bei, beginnen Sie mit einem Hobby, arbeiten Sie weiter an Ihrer beruflichen Karriere oder versuchen Sie es mit einem Ehrenamt. Die Hilfe für andere hilft Ihnen, sich zu öffnen. Des Weiteren bringt es wieder Sinn in Ihr Leben und gibt Ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit.
  • Lernen Sie Entspannungsmethoden. Atmen Sie tief durch, versuchen Sie es mit bildlichen Vorstellungen (Metaphorik), Biofeedback, Massage, Tai Chi oder Yoga.

Krebs verändert die Einstellung zum Leben

Eine Krebsbehandlung verändert in vielen Fällen das Äußere der Betroffenen. Über diese offensichtlichen Veränderungen hinaus beschäftigen sich viele Krebspatienten mit den wichtigeren Fragen, die sich durch die Erkrankung gestellt haben: Was ist das Wichtigste im Leben und worin besteht der Sinn des Lebens?

Nach der Therapie haben Sie das Gefühl, Sie bekämen eine zweite Lebenschance. Es kann hilfreich sein, eine Aufzeichnung anzulegen mit den positiven Seiten Ihrer Erfahrung.

Darauf greifen Sie zurück, wenn Sie Auftrieb benötigen oder sich daran erinnern müssen, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Vielleicht ändern sich auch Ihre Prioritäten: Sie verbringen jetzt mehr Zeit mit der Familie und weniger bei der Arbeit.

Erkennen Sie die enge Verbindung zwischen emotionalem und physischen Wohlergehen. Das mag Sie beispielsweise zu regelmäßiger sportlicher Aktivität ermutigen.

Sport baut Stress und Müdigkeit ab und erhöht das Durchhaltevermögen. Darüber hinaus kann sich ihre religiöse Einstellung verändern. Viele Betroffene stellen Ihren Glauben in Frage: manche zweifeln ihn an, bei anderen festigte er sich.

Finden Sie zur Normalität zurück

Der Versuch, Ihr Leben so weiter zu leben wie vor der Krebsdiagnose, kann sehr frustrierend sein. Ihr Körper und vielleicht auch Ihre Gefühle haben sich verändert. Sicherlich änderte sich Ihre Lebenseinstellung.

Vergessen Sie nicht, dass Ihre Familie und nahestehende Personen Sie in unterschiedlicher Intensität in dieser Lebensphase begleiteten.

Wie viele andere lebensverändernde Ereignisse (z.B. Hochzeit oder Geburt eines Kindes) bringt Krebs die Prioritäten im Leben wieder ins Bewusstsein oder setzt sie neu. Dies wirkt sich unter Umständen auf Ihre Träume und Hoffnungen aus.

Das bedeutet nicht, dass der Krebs Ihre Entscheidungen bezüglich Ihres weiteren Lebens nach der Therapie beherrschen muss. Sie sind kein Opfer, sondern ein Krebsüberlebender.

Es liegt an Ihnen, weiter zu machen. Jede Änderung in Ihrem Leben nach dem Krebs liegt in Ihrer Hand. Die „Normalität“ ist neu und anders. Sie leben, um sie zu genießen.

Wie sich Psychoonkologen um die Seele kümmern

Der Begriff Psychoonkologie setzt sich aus den beiden Wörtern Psychologie und Onkologie (die Lehre vom Krebs) zusammen und bedeutet die psychische Betreuung von Krebspatienten.

Dabei ist der Begriff „Psychoonkologe“ nicht geschützt, vielmehr kann diese betreuende Aufgabe von speziell geschulten Ärzten, Psychologen oder Sozialarbeitern übernommen werden.

Qualifizierte Therapeuten auf diesem Gebiet erkennen Sie an der Zusatzbezeichnung „WPO“, die belegt, dass der Therapeut eine Weiterbildung in Psychosozialer Onkologie absolviert hat.

In Organtumorzentren wie etwa Brust- oder Darmkrebszentren ist die Betreuung durch derartig geschulte Psychoonkologen sogar Pflicht für die Anerkennung und Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft.

Die Arbeit des Psychoonkologen beginnt unmittelbar nach der Diagnosestellung. Hier leistet er in der Phase des inneren Chaos aus Angst und Verzweiflung eine Art psychischer Erste Hilfe, indem er in gezielten Gesprächen zum Erträglicherwerden der Situation verhilft.

Der wesentlichste Faktor ist dabei die Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Alleine das Gefühl, dass es jemanden gibt, der die Situation versteht und der eine verlässliche Anlaufstelle ist, erleichtert den meisten Krebspatienten die Verarbeitung.

Dabei hilft der Psychoonkologe Ängste abzubauen und vermittelt den Patienten die Gewissheit, gehalten und geschützt zu sein.

Manchmal reichen wenige Sitzungen, um die eigene Stärke wieder zu spüren und das Geschehene annehmen zu können. Manche Krebspatienten benötigen dagegen eine längerfristige Begleitung. Die Kosten für diese Behandlungen werden von den Krankenkassen übernommen.

Hilfe bei der Bewältigung der Krebserkrankung

Der Psychoonkologe hilft bei diesen Bewältigungsphasen:

  1. Schockphase: Unmittelbar nach der Diagnose beginnt die erste Phase, die etwa drei bis vier Wochen anhält und sich nicht selten als „Nicht-wahr-haben-wollen“ zeigt. Hier benötigen die Betroffenen vor allem Verständnis und das Gefühl, durch einen begleitenden Menschen ein wenig beschützt zu sein.
  2. Reaktionsphase: In dieser etwa sechs Monate anhaltenden Phase, die meistens nach der Operation beginnt, setzen häufig heftige Reaktionen auf die Erkrankung ein. Hier kommt es zu Ängsten, Depressionen und quälenden Fragen nach der eigenen Schuld. Einfühlsame Gespräche, in denen die Betroffenen erfahren, dass ihre Ängste völlig normal sind, erleichtern die Verarbeitung.
  3. Reparationsphase: Hier erfolgt die schrittweise Anpassung an die veränderte Lebenssituation. Der Therapeut führt den Patienten zu seinen Kraft-Ressourcen. Der Schwerpunkt liegt jetzt nicht mehr auf der Krebserkrankung, sondern vielmehr auf der Regenerationskraft von Körper und Seele.
  4. Phase der Neuorientierung: In dieser letzten Phase, die einige Monate andauern kann, beginnt der Patient zunehmend das Geschehene anzunehmen und sich mit der veränderten Lebenssituation auszusöhnen. Gemeinsam mit dem Therapeuten werden Strategien entwickelt, das Leben neu zu organisieren.
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