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Koma: Die Gefahr von Fehldiagnosen ist groß

Ist ein Mensch im Koma bei Bewusstsein? Darüber ist sich die Wissenschaft noch nicht ganz einig. Wahrscheinlich aber ja, sagt ein internationales Forscherteam von der Universität Cambridge nach einer Untersuchung von 22 Komapatienten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass einige der Betroffenen noch in der Lage waren, etwas zu lernen. Und das funktioniert nur, wenn noch ein Teil des Bewusstseins aktiv ist.

Das sind die Symptome eines Komas:

  • keine Verständigung mit der Umwelt
  • kein Blickkontakt
  • keine Bewegung
  • kein Sprechen
  • keine bewusste Reaktion auf Reize wie Sehen, Berühren oder Geräusche
  • vegetative Funktionen bleiben erhalten (zum Beispiel Kreislauf, Atmung, Verdauung)
  • häufig kommt es zu Krampfanfällen

Koma, Wachkoma, Locked-in-Syndrom, so werden die verschiedenen Ausfälle des Gehirns in der Medizin genannt. Das Koma lässt sich wohl am treffendsten mit einer ungewöhnlich tiefen Betäubung oder einem extrem tiefen Schlaf vergleichen. Nach vorsichtigen Schätzungen liegen allein etwa 15.000 bis 30.000 Menschen in Deutschland im Wachkoma. Dieser Zustand kann über viele Jahre hinweg unverändert anhalten.

Ursachen für ein solches Koma können sein:

  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Schlaganfall
  • Sauerstoffmangel nach einem Herzstillstand
  • Gewalttat
  • Unfall
  • Hirnhautentzündung
  • Hirntumor
  • Vergiftung
  • zu späte Reanimation etwa bei Ertrinken, Ersticken, Herzinfarkt und Narkosefehlern

Je länger das Koma, umso schlechter die Aussichten

Vor allem bei jungen Menschen, die noch keinen lang anhaltenden Sauerstoffmangel erlitten haben, besteht Hoffnung auf rasche Besserung. Ansonsten gilt die Regel: Wer nach einer Verletzung länger als zwölf Tage oder nach einem Sauerstoffdefizit länger als drei Monate im Wachkoma liegt, bei dem stehen die Chancen gleich null, das Bewusstsein wiederzuerlangen. Wundersam wieder erwachte Menschen befanden sich meist nicht in einem Wachkoma, sondern in einem anderen Zustand der Bewusstseinstrübung.

Häufig wird die Diagnose „hirntot“ gestellt. Doch das ist nicht korrekt. Denn bei einem Koma  ist noch Gehirnaktivität feststellbar. Bei Hirntoten fehlt jeglicher Stoffwechsel im Gehirn. Sie gelten als rechtlich tot und kommen für die Organtransplantation in Frage.

Die Gefahr der Fehldiagnose ist groß. Das wurde vor einigen Wochen ein weiteres Mal bestätigt, als belgische Medizinforscher mit einem Wachkomapatienten einige Tests machten. Seitdem vermuten sie, dass dieser nach einem Autounfall 23 Jahre bei vollem Bewusstsein in seinem Körper gefangen ist. Er sei jedoch in der Lage, Gefühle zu spüren und sogar zu kommunizieren. Dem Magazin „Der Spiegel“ gab er sogar ein Interview, dessen Authentizität allerdings stark angezweifelt wird. Die Aussagen des Patienten werden eher der Interpretation seiner „dolmetschenden“ Betreuerin zugeschrieben.

Wachkomapatienten werden oft unterschätzt

Mehr als ein Drittel der Patienten werden fälschlicherweise dem Wachkoma zugerechnet, glauben Kritiker. Sie sind inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass auch Wachkomapatienten keine bewusstlosen Hüllen sind und mehr mitbekommen, als man gemeinhin denkt. Oft werden ihre Restfähigkeiten unterschätzt, wie Untersuchungen herausfanden. Das weiß man zudem von den wenigen Fällen, in denen die Betroffenen doch wieder ins Leben zurückkehren konnten: „Ich habe während dieser Zeit alles gehört und gefühlt. Ich habe vor Verzweiflung geweint, doch ohne dass sich eine Träne gezeigt hätte!“, hat eine Betroffene ihren Ärzten hinterher erzählt. Die Unfähigkeit, sich zu äußern oder in irgendeiner Form zu reagieren, wird gleichgesetzt mit fehlendem Bewusstsein. Und das scheint nicht richtig zu sein. Besonders kritisch wird diese Einschätzung immer dann, wenn die Verwandten Geräte und Ernährung abstellen wollen. Die Fehleinschätzung führt vermutlich unter anderem dazu, dass die kranke Person beziehungsweise ihr Gehirn nicht genügend Heilanreize bekommt. Von wem nichts mehr erwartet wird, der erhält keine Rehabilitation mehr. Damit trifft auch ein, was erwartet wurde.

Die eigene Angst vor diesem Zustand ist gravierend

Solche Fälle bewegen unsere Gemüter und werfen eine Unmenge Fragen auf. Die meisten bewegt vor allem die eigene Angst: Wo beginnt der Tod, wo endet das Leben? Was machen wir selbst, wenn wir bei unseren Liebsten damit konfrontiert werden und darauf reagieren müssen? Wann „soll, kann, darf“ man die Maschinen abschalten? Wann ist Erlösung das kleinere Übel? Und wer kann die Entscheidung überhaupt auf sich nehmen? Wie entscheidet man für einen Menschen im Wachkoma? Welche Rechte haben die Angehörigen? Auf ihren Schultern liegen unvorstellbare Lasten.

Doch das beeinträchtigt leider nicht selten auch die Objektivität und Unabhängigkeit, wenn es um endgültige Entscheidungen geht. Es wird dann argumentiert, die jeweilige betroffene Person hätte ohnehin nichts mehr vom Leben – dabei kann das niemand wirklich beurteilen. Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten Menschen lieber extrem eingeschränkt als gar nicht leben, berichtet der Neurologe Johann Donis, Leiter der Appaliker Care Unit am Geriatriezentrum Wienerhof (Wien) in der Zeitschrift „Psychologie heute“.

Das wäre selbst bei Menschen so, die fast vollständig gelähmt sind und nur noch die Augenlider bewegen können, sagen auch Forscher der Koma-Wissenschaftsgruppe in Lüttich. Wir Gesunden, denen sekündlich ebenfalls so ein Unglück passieren kann, sind da so manches Mal sicher viel zu schnell mit einem Urteil bei der Hand.

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Alte Kommentare
  • Engelbert Fill schrieb am 13.04.2011, 18:22 Uhr

    Ich hatte vor einem Jahr eine 4fach Bypassoperation mit insgeamt 4 Operationen und 3 Brustöffnungen mit > 20 Stunden Operation und dadurch ein Multiorganversagen und 8 Tage Koma. Als ich am 9.Tag nach der Operation erwachte, hat man eine schwere Lungen-entzündung festgestellt und hat mich in Tiefschlaf versetzt. Am 20. oder 21. Tag hatte ich Besuch von 2 Herren (meine Operateure?) und ich habe kein Lebenszeichen geben können, hatte aber eine schmerzhafte Lautwahrnehmung und habe ganz deutlich verstanden, daß man bei der OP vergessen hat ,den Druck druck zuschreiben und wie man so ein Problem behebt: den Bericht schreiben ja wir heroben auf der Station. Ich war erst ab 22 oder 23 Tag zumindest stundenweise wach. Ich habe mir gedacht, wie mag es früher bei Scheindoten gewesen sein, die die Vorbereitung zum Begräbnis mitbekommen haben - das ist Horror live! Ich hoffe, daß ich so eine Situation nie mehr erlebe und habe meiner Familie gesagt, daß man mich lieber eingeschläfer sollte.

  • ks schrieb am 14.04.2011, 20:39 Uhr

    Ein sehr schwieriges Thema. Ich habe Ähnliches inzwischen schon mehrmals gehört.. Wie soll ich denn verantwortlich entscheiden, wie ich einem engen Vertrauten gerecht werden kann, der sein Schicksal durch eine Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht in meine Hand gelegt hat? Ich traue mir dies offen gesagt nicht zu.