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Anti-Aging-Therapie: Warum das Wachstumshormon kein Jungbrunnen ist

Ein Jungbrunnen ist schon seit Jahrhunderten ein Menschheitstraum. Seit einigen Jahren verspricht die

Alterung© fotandy - Fotolia
Hormontherapie, dieser Jungbrunnen zu sein.

Besonders das HGH (Human Growth Hormon), das Wachstumshormon, wird genannt: Es soll helfen, Alterung aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen.

Was von diesen Behauptungen zu halten ist und ob eine Behandlung mit HGH Sinn macht, erkläre ich Ihnen in diesem Beitrag.

Als Jugendhormon wird das Wachstumshormon HGH häufig bezeichnet.

Der Grund dafür: Gebildet wird es in erster Linie in der Kindheit. In diesem Alter wird es in der Hypophyse ausgeschüttet und wirkt auf die Leber.

Die produziert daraufhin den so genannten Insulin-like Growth Factor 1 (IGF-1). Sein Effekt: Er regt das Wachstum an und ist zudem für die Reparatur von Knochen sowie anderem Körpergewebe verantwortlich.

Diese Ausschüttung des Wachstumshormons erfolgt in bis zu 20 Schüben über den Tag verteilt. Im Alter von 20 Jahren erreicht sie ihren Höhepunkt, danach sinkt sie immer weiter ab.

Erste Versuche mit Wachstumshormonen endeten tragisch

Schon früh wurde versucht, das Wachstumshormon zur Therapie einzusetzen. Behandelt wurde damals Zwergenwuchs bei Kindern, das Hormon wurde aus der Hypophyse von Verstorbenen entnommen.

Man nannte es dementsprechend auch Leichen-Wachstumshormon. Allerdings hatte diese Behandlungsart gravierende Folgen.

In den 1980er Jahren wurde bei vier Betroffenen, die in den 1960ern mit Leichen-Wachstumshormon behandelt worden waren, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) festgestellt.

Dabei handelt es sich um eine Erkrankung, bei der das Gehirn sich in Eiweiße zersetzt, die vom Körper nicht abgebaut werden können. Es kommt daraufhin zum Nachlassen der Gehirnfunktionen, zu Erblindung, Sprachverlust, Lähmung, Demenz, Koma und Tod.

Daraufhin wurde die Behandlung mit Leichen-Wachstumshormon eingestellt – zudem war 1981 das erste synthetische menschliche Wachstumshormon erforscht worden.

Dieses wurde dann auch bei Erwachsenen mit Mangel an diesem Hormon eingesetzt.

Wachstumshormon in der Erwachsenen-Therapie

In der Erwachsenenmedizin wird das Wachstumshormon immer dann verwendet, wenn die Hypophyse beschädigt ist. Das kann zum Beispiel durch einen Tumor oder ein Trauma der Fall sein.

Folge dieser Beschädigung sind dann Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Arthritis, Osteoporose, Abnormitäten des Cholesterinspiegels und andere mehr. W

enn diese Erkrankungen durch einen Ausfall der Hypophyse entstehen, kann die Gabe von Wachstumshormonen hilfreich sein.

Effekte des Wachstums­hormons – durch Studien belegt?

In den letzten zwei Jahrzehnten haben findige Geschäftsleute aber noch eine weitere Verwendung für das Wachstumshormon gefunden: Es wird als Mittel gegen das Altern eingesetzt.

Sie gehen von dem Wissen aus, dass die natürliche Ausschüttung des Hormons mit dem Alter abnimmt – und zeitgleich die Beschwerden auftreten, die wir als Alterungserscheinungen bezeichnen.

Unterstützt werden sie von einer Studie aus dem Jahr 1990, die die Behauptung aufstellt, dass das Wachstumshormon bei gesunden älteren Männern bestimmte körperliche Erscheinungen um Jahrzehnte zurückdrehen könne.

Diese Studie wies viele Fehler auf, sie war qualitativ mangelhaft. Dementsprechend ist HGH bis heute nicht als Anti-Aging-Mittel behördlich zugelassen.

Dennoch wird es zu diesem Ziel vertrieben und eingesetzt – weltweit werden pro Jahr Wachstumshormon-Präparate im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar verkauft.

Tausende Kliniken und Ärzte weltweit verschreiben HGH als Anti-Aging-Präparat und verdienen damit pro Patient rund 1.000 US-Dollar im Monat. Übrigens brauchen Sie sich gar nicht großartig anzustrengen, um an das Wachstumshormon heranzukommen: Sie können es im Internet frei kaufen.

Hier werden vor allem Sportler angesprochen – das Wachstumshormon soll ihnen zu größerem Muskelwachstum und damit mehr Kraft verhelfen.

Hormontherapie – wirklich empfehlenswert?

Dabei ist es nicht ungefährlich, in den Kreislauf der Hormone einzugreifen – das zeigen die Nebenwirkungen, die bei der Östrogentherapie in den Wechseljahren auftreten können.

Erschreckenderweise gibt es dennoch viele Ärzte, die eine Hormontherapie als Möglichkeit gutheißen, die biologische Alterung zu verlangsamen. Empfohlen werden diese Behandlungen – das finde ich noch erschreckender – schon für Menschen ab 35 bis 40 Jahre.

Studien scheinen positive Ergebnisse zu zeigen

Mittlerweile liegt eine Auswertung von über 30 Studien und Veröffentlichungen vor, die sich mit dem Wachstumshormon – seinem Nutzen und seinen Risiken – befassen.

Dazu muss man wissen, dass dennoch die Teilnehmerzahl recht gering ist – sie liegt nur bei 220 Patienten, die im Schnitt 69 Jahre alt sind.Die Ergebnisse scheinen für sich zu sprechen.

Bei Männern hatte sich das Körperfett deutlich verringert. Gleichzeitig nahm die Muskelmasse entsprechend zu. Dabei veränderte sich das Gewicht nicht. Die Knochendichte blieb gleich, ebenso die Blutfettwerte.

Die Cholesterinwerte sanken etwas ab. Zwar lassen sich diese Effekte nachweisen, ein Hinweis darauf, dass der Alterungsprozess in der Tat gestoppt wird, sind sie jedoch nicht.

Die Schattenseiten der Hormontherapie

Gravierend dagegen sind die Nebenwirkungen, die bei vielen Patienten auftraten, die mit dem Wachstumshormon behandelt worden waren. Sie litten oft unter Wassereinlagerungen im Gewebe, es kam zum Karpaltunnelsyndrom und zu Gelenkschmerzen.

Viele Männer litten plötzlich unter Gynäkomastie, das heißt, ihnen wuchsen Brüste. Zudem entwickelten diejenigen, die Wachstumshormone bekamen, überdurchschnittlich häufig eine Diabetes.

Aus gesunden Menschen wurden durch die Hormonbehandlung kranke Menschen. Unbekannt sind zudem die Langzeitfolgen einer solchen Behandlung.

Die Studien, die es bisher über die Behandlung mit Wachstumshormonen gibt, sind zu kurz angelegt – bisher ist seit der Behandlung noch nicht genügend Zeit vergangen, um Langzeitfolgen ablesen zu können.

Daher können gar keine Aussagen darüber getroffen werden, ob das Wachstumshormon auf lange Sicht tatsächlich einen gewissen Alterungsprozess erfolgreich aufhalten kann. Ich kann Ihnen von einer solchen Anti-Aging-Therapie nur abraten.

Die aufgestellten Behauptungen, mit denen das Wachstumshormon beworben wird, sind nicht belegt; die einzige erfolgversprechende Studie steckt voller qualitativer Mängel.

Klar ist, dass das Hormon Alterungsprozesse nicht verhindern kann. Stattdessen aber erhöht es Ihr Risiko gravierend, an schweren Nebenwirkungen zu erkranken, die mit den Alterskrankheiten, die eigentlich vermieden werden sollten, vergleichbar sind.

Auf einen Jungbrunnen müssen Sie also weiter warten – das Wachstumshormon erfüllt diesen Wunsch nicht.

So wirkt sich das Absinken des Wachstumshormons aus

Wenn die Ausschüttung des Wachstumshormons im Laufe des Lebens verringert wird, spüren Sie die Effekte am ganzen Körper. Eiweiß wird abgebaut, dadurch verringert sich die Muskelkraft deutlich.

Ältere Menschen merken das zum Beispiel daran, dass es ihnen schwerfällt, sich wieder aufzurichten, wenn sie sich bücken.

Reparaturen an Knochen, Gelenken und Bändern werden nur noch langsam ausgeführt. Dadurch kommt es zur Gelenksteifigkeit, Bänder sind nicht mehr so ­flexibel und dehnbar, Knochenbrüche häufen sich.

Und eine gesteigerte Infektanfälligkeit zeigt, dass sich die verringerte Hormon­ausschüttung auch auf das Immunsystem auswirkt. Sie verfügen über deutlich weniger Immunzellen.

Daher können sich mehr Krankheitserreger in Ihrem Körper breitmachen.

Übrigens ist die geringere Ausschüttung des Wachstumshormons auch ein Grund dafür, dass das Gedächtnis im Alter eher nachlässt: Nervensignale werden deutlich langsamer weitergegeben.

Dadurch werden Prozesse wie das Nachdenken und das Erinnern bei älteren Menschen erheblich verlangsamt.

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Dr. Michael Spitzbart
Über den Autor Dr. med. Michael Spitzbart

Dies ist das Profil von Dr. med. Michael Spitzbart, dem Chefredakteur von "Dr. Spitzbart´s Gesundheits-Praxis". Hier gibt‘s alle Infos.

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