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Wenn sich Ihr Darm entzündet

Chronisch entzündliche Darmkrankungen – Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – sind auf dem Vormarsch. Sie beeinträchtigen die Lebensqualität ganz enorm. Ausführliche Informationen und die richtige Behandlung mindern Ängste und Folgen.

„Am Anfang hatte ich nur Durchfall, dachte, ich hätte etwas Falsches gegessen. Doch der Durchfall hörte nicht auf, es kamen Bauchschmerzen dazu, und ich wurde immer dünner! Meine Ärztin war zunächst unsicher, doch dann tippte sie auf eine chronische Darmentzündung und schickte mich zu einem Facharzt für Magen- und Darmprobleme, einem Gastroenterologen.

Damit begann für mich eine Zeit des Horrors“, schildert die 46-jährige Susanne F. ihren Leidensweg. Heute weiß sie, dass sie unter Morbus Crohn leidet und dass damit eine Reihe von Einschränkungen und Komplikationen für sie verbunden sind.

Fast immer glauben Arzt und Patientin zu Beginn der Erkrankung an einen harmlosen Durchfall und erwarten, dass die Beschwerden rasch wieder abklingen. Manchmal tun sie das auch, aber nur um nach einer Weile wieder aufzutauchen. Denn die Krankheit verläuft in Schüben. Der Arzt wird als Erstes nach einer Lebensmittelvergiftung oder einer Infektion fahnden.

Obwohl immer wiederkehrender Durchfall und Bauchkrämpfe den Verdacht auf eine chronische Darmentzündung nahe legen, dauert es dennoch oft sehr lange, bis die Diagnose feststeht. Man schätzt, dass 200.000 bis 400.000 Bundesbürger unter chronisch entzündlichen Darmerkrankungen leiden. Die Verbreitetsten sind die Colitis ulcerosa und der Morbus Crohn. Bei der Colitis ulcerosa ist fast ausschließlich der Dickdarm beziehungsweise ein Teil davon entzündet.

Beim Morbus Crohn können sich die Entzündungsherde im gesamten Verdauungstrakt – also vom Mund bis zum After – befinden. Während der Morbus Crohn mehr Frauen betrifft, liegen Männer bei der Colitis ulcerosa an der Spitze. Bei den meisten macht sich die Erkrankung im frühen Erwachsenenalter bemerkbar.

Ursachen liegen noch im Dunkeln

Warum sich der Darm auf diese Weise chronisch entzünden kann, ist bislang noch ungeklärt. Es wird jedoch vermutet, dass es sich um eine Schwäche des Immunsystems handelt – medizinisch Autoimmunerkrankung genannt.

Das können Sie sich so vorstellen: Das Immunsystem attackiert plötzlich aus unbekannten Gründen die Zellen der Darmschleimhaut und schädigt sie. Bei Morbus Crohn scheinen auch frühere bakterielle Darmentzündungen die Entstehung zu begünstigen.

Die Anfälligkeit für diese beiden Entzündungen kann offenbar auch erblich sein. In manchen Familien kommen sie wesentlich häufiger vor als beim Rest der Bevölkerung. Ernährung und Rauchen scheinen ebenfalls eine Rolle zu spielen. Man geht davon aus, dass immer mehrere Auslöser zusammenkommen.

Die beiden Entzündungen werden in einem Atemzug genannt, sind jedoch nach medizinischen Erkenntnissen zwei unterschiedliche Erkrankungen, die auch anders behandelt werden müssen. Grob gesagt ist bei beiden ein jeweils anderer Darmabschnitt entzündet. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe weiterer Unterschiede: Bei Raucherinnen, die an Morbus Crohn leiden, verläuft die Krankheit wesentlich schwerer als bei Morbus Crohn-Patientinnen, die nicht rauchen.

Außerdem wirken bei ihnen die Medikamente nicht so gut. Anders bei Colitis ulcerosa: Der erste Schub stellt sich oft ein, wenn jemand das Rauchen gerade aufgegeben hatte. Darüber hinaus verschaffen Nikotin-Pflaster Colitis ulcerosa-Patienten eine deutliche Besserung ihrer Symptome. Bei Morbus Crohn-Betroffenen hat man diese Auswirkung nicht feststellen können.

Spielt die Seele eine Rolle?

Es gibt keine gesicherten Hinweise darauf, dass psychische Ursachen bei der Entstehung der chronischen Darmentzündungen mit hineinmischen. Doch gerade Colitis ulcerosa-Frauen berichten über lebensbelastende Ereignisse, die den Schüben vorausgingen oder sie begleiteten.

Besonders häufig wurden Trauer, Trennungen oder aber die Furcht vor Trennung genannt. Den Frauen schien es schwer zu fallen, sich aus einer engen Beziehung zu lösen.

Bei Morbus Crohn-Patienten wurde hingegen festgestellt, dass sie häufiger in der Stadt leben als auf dem Land und zum überwiegenden Teil aus „besseren Verhältnissen“ stammen. Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, insbesondere bei Morbus Crohn, leiden häufig während der Schübe unter depressiven Stimmungen.

Was steckt hinter funktionellen Magen- und Darmstörungen?

Fast ein Drittel aller Menschen, die den Hausarzt aufsuchen, klagt über Magen- und Darmprobleme. Ein großer Teil von ihnen leidet unter so genannten funktionellen Beschwerden. Hier lassen sich keinerlei organische Veränderungen aufspüren, die die Symptome erklären könnten.

Bei näherem Hinsehen stellen die Ärzte oft fest, dass es im Leben der betroffenen Person Probleme gibt. Auf diese Spannungen reagiert dann der Darm mit Symptomen. Hier hat sich eine psychotherapeutische Behandlung bewährt. Bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen lassen sich durch Endoskopie und Blutuntersuchungen eindeutige Nachweise finden.

Wie sich der Verdacht erhärtet

Bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kann der Arzt schon anhand der Blutprobe feststellen, dass im Körper eine Entzündung vorliegt. Die Zahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die Blutsenkungsreaktion und der CRP-Wert bringen ihn auf diese Erkenntnis.

Der CRP-Wert ist bei Entzündungen hoch. Jetzt gilt es herauszufinden, wo im Körper die Entzündung tobt. Deshalb wird nun der Darm einmal genauer angeschaut.

Der gefürchtete Blick in den Darm

Die Darmspiegelung ist die Untersuchung, vor der sich anfangs die meisten Frauen besonders fürchten. Sie haben Angst vor Schmerzen und empfinden die Prozedur zudem als unwürdig.

Doch heute haben die Ärzte die Möglichkeit, wesentlich schonender vorzugehen und auch krampflösende Mittel zu verabreichen. Die „Darmbeschau“ nimmt der Arzt mit dem Endoskop vor. Das ist ein langes biegsames Gerät, das vorsichtig durch die Öffnung des Afters hindurch in den Dickdarm geschoben wird. Am Ende des Geräts befindet sich eine kleine Kamera, die Bilder aus dem Darminneren auf einen Monitor überträgt. So kann im Verdauungskanal Stück für Stück nach der Entzündung gesucht werden.

Bei der Fahndung wird zunächst eine Coloskopie vorgenommen, bei der der gesamte Dickdarm untersucht wird. Meist entnimmt der Arzt gleichzeitig eine kleine Gewebeprobe, die dann feingeweblich untersucht wird. So wird ein möglicher Dickdarmkrebs ausgeschlossen, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa voneinander unterschieden. Darüber hinaus wird dann zusätzlich noch der Dünndarm geröntgt.

Nachlässigkeit bei der Behandlung kann Folgen haben

Auch wenn die beiden Formen der entzündlichen Darmerkrankung zu Beginn vielen als harmlos erscheinen, wenn die Schübe noch nicht so häufig kommen und die Beschwerden noch nicht so gravierend sind, dürfen Sie sie jedoch keineswegs unterschätzen. Wenn sich die Entzündung ausweitet, treten die Schübe immer häufiger auf und die Symptome werden immer schlimmer. Durch blutigen Durchfälle geht oft so viel Blut verloren, dass es zu einer regelrechten Blutarmut kommt.

Es droht eine Unterversorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen – insbesondere auch Vitaminen (vor allem den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K). Denn die entzündete Darmschleimhaut nimmt die Nahrung nicht mehr richtig auf. Die Betroffene nimmt ab, wird immer schwächer und für andere Krankheiten anfällig.

Ist die Krankheit weiter fortgeschritten, wird auch die Behandlung immer schwieriger. Es kann so weit kommen, dass der entzündete Darmabschnitt operativ entfernt werden muss.

Reicht der verbleibende Darmabschnitt nicht mehr aus, um eine Verbindung zwischen Darm und After herzustellen, muss ein künstlicher Darmausgang gelegt werden. Es liegt auf der Hand, dass sich alle Betroffenen davor am meisten fürchten. Leider steigt vor allem bei Colitis ulcerosa-Patienten auch das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, allmählich an, wenn die Entzündung schon länger als zehn Jahre andauert. Deswegen stehen alljährliche Früherkennungsuntersuchungen auf dem Plan.

Exkurs:

Die Colitis ulcerosa ist eine Entzündung, die nur den Dickdarm (= Colon) betrifft und auch Geschwüre (= ulcera) ausbilden kann. Der Morbus Crohn (benannt nach seinem Entdecker) kann alle Abschnitte des Verdauungskanals betreffen – vom Mund bis zum After.

Entzündungshemmende Medikamente schaffen Linderung

Bei einem akuten Schub ist es zunächst einmal wichtig, den Durchfall zu stoppen, damit sich die Blut-, Flüssigkeitsund Nährstoffverluste in Grenzen halten. Dann wird die Entzündung mit Medikamenten gebremst. Dazu werden traditionellerweise Salicylat-Derivate verwendet.

Doch die Langzeitbehandlung ist problematisch, denn es können sich schwer wiegende Nebenwirkungen einstellen. Manche Menschen sind zudem allergisch gegen Salicylate. Ist nur der Endabschnitt des Darms entzündet, können Medikamente auch als Zäpfchen, Schaum oder Einlauf verabreicht werden. Dadurch werden Nebenwirkungen seltener.

In hartnäckigen Fällen kommen nun kortikoidhaltige Medikamente zum Einsatz. Für diejenigen, die tagelang unter heftigsten und blutigen Durchfällen gelitten haben, grenzt die Durchschlagskraft des Kortisons oft an ein Wunder. Denn die Beschwerden sind ganz rasch „wie vom Erdboden verschluckt“. Dennoch sind Kortikoide nach wie vor Medikamente mit schweren Nebenwirkungen – vor allem im Langzeiteinsatz.

Das geht von Gewichtszunahme und Wassereinlagerungen über Akne, Schlaflosigkeit und Augenerkrankungen bis hin zu Muskelschwäche, Bluthochdruck und Diabetes. Doch nur in seltenen Fällen muss das Kortison so hoch dosiert werden, dass es zu diesen Nebenwirkungen kommen kann.

Neue Kortikoide wirken gezielt im Darm

Es ist jedoch in jüngster Zeit gelungen, Kortikoide zu entwickeln, die gezielt im Darm am Ort der Entzündung wirken. Herkömmliche Kortikoide, die auch andere Entzündungen im Körper bekämpfen sollen, müssen den ganzen Organismus „überschwemmen“, bis sie die Entzündung gefunden haben.

Je gezielter der Einsatz, desto weniger Nebenwirkungen treten auf. Diese so genannten topischen Kortikoide wirken als Kapsel eingenommen oder als Einlauf direkt auf die Entzündung der Darmschleimhaut.

Der Alltag mit der Krankheit

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Die Schmerzen, aber auch der häufige Gang zur Toilette sowie die Furcht vor Missgeschicken belasten die Betroffenen sehr. Hinzu kommt die Angst, dass sich die Krankheit verschlimmert. Diesen seelischen Begleiterscheinungen sollte mit einer psychotherapeutischen Behandlung die Spitze genommen werden.

In den meisten Fällen ist eine spezielle Ernährung nicht erforderlich. Es gibt also keine „typische“ Diät. Die Betroffene muss selbst herausfinden, was ihr bekommt und was nicht. Leichte Vollwertkost, der Verzicht auf blähende und scharf gewürzte Speisen sind dennoch sinnvoll und empfehlenswert.

Während der akuten Schübe ist Trinken wichtiger als Essen. Für sehr geschwächte Menschen ist proteinreiche Ernährung ohne Ballaststoffe zur Entlastung des Darms sehr wichtig. Zusätzlich sollten Vitamine und Mineralstoffe – vor allem Eisen – genommen werden, um eine Versorgung des Körpers sicherzustellen.

Wer sich ausreichend kräftig fühlt, kann einmal probieren, ob kurzfristiges Heilfasten Linderung verschafft. Dabei sollte natürlich vorher der Rat des Arztes eingeholt werden. Auch homöopathische Zubereitungen werden mit gutem Erfolg eingesetzt. Positive Erfahrungen werden ebenso mit chinesischer Pflanzenmedizin, Ozontherapie, Eigenblutbehandlung, Bioresonanzverfahren, Akupunktur und Entspannungsmethoden gemacht.

Seit kurzem weiss man, dass auch Weihrauch bei Darmentzündungen helfen kann. Bei Colitis ulcerosa können sogar Schübe zum Abklingen gebracht werden. Die Boswellia-Säuren des Weihrauchs hemmen ein Entzündungsenzym.

Was Ihnen hilft, wenn der Darm Probleme macht

Ganz wichtig: Führen Sie vier Wochen lang ein Tagebuch über Ihre Ernährungsweise. Notieren Sie parallel dazu, ob und welche Beschwerden Ihr Darm verursacht. Möglicherweise finden Sie bereits so heraus, welche Lebensmittel die Störungen verursachen. Streichen Sie diese rigoros von Ihrem Speiseplan. Außerdem sollten Sie folgende Ernährungstipps beachten:

1. Essen Sie ausreichend rohfaserreiche Nahrungsmittel wie Getreideprodukte, Obst und Gemüse. Trinken Sie mindestens 1,5 bis 2 Liter pro Tag, vermeiden Sie aber kohlensäure- und koffeinhaltige Getränke.

2. Essen Sie stets zu denselben Zeiten. Das reguliert Ihre Darmfunktion.

3. Gehen Sie Stress aus dem Weg. Stress gilt als wesentlicher Risikofaktor für das Reizdarm-Syndrom.

4. Wenn Sie Lakritz mögen: Es beruhigt den Darm, wirkt entspannend, entzündungshemmend und regt die Verdauung an.

5. Pfefferminzextrakt (rezeptfrei in Apotheken) hilft gegen krampfartige Beschwerden. Wegen möglicher Nebenwirkungen Packungsbeilage beachten!

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