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Unzureichende Behandlung bei Colitis ulcerosa

Zu viele Patienten mit einer Colitis ulcerosa, einer chronischen Darmentzündung, werden, nach Einschätzung von Magen-Darm-Spezialisten, zu spät und unzureichend behandelt. Dabei gibt es heute Möglichkeiten die entzündete Schleimhaut zu heilen.

„Wenn ein Viertel aller betroffenen Patienten ihren Dickdarm verlieren, können wir kaum von einer vergleichsweise gutartigen Darmerkrankung sprechen“, sagt Privatdozent Dr. Thomas Ochsenkühn.

Solche Ansichten über die „Colitis ulcerosa“ seien aber noch immer verbreitet, erklärt der Leiter der Spezialambulanz für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) von der Universität München. Es werde zu spät, zu schwach, zu kurz und oft jahrelang mit Cortison behandelt. „Ein Skandal“, meint Ochsenkühn. Dabei kann das Ziel nur heißen, die entzündete Darmschleimhaut „anhaltend zu heilen“.

Erheblich eingeschränkte Lebensqualität

Der Heidelberger Experte Professor Robert Ehehalt betont, dass Betroffene frühzeitig mit der Therapie sollten. Um einen Strukturverlust der Schleimhaut zu verhindern, ist das Ziel der Therapie, die rasche Heilung der Schleimhaut. Eine solche Heilung sei heute mit modernen Arzneimitteln bei bis zu zwei von drei Patienten möglich. Die bisherige Strategie, nur „die Symptome zu behandeln“, sei nicht mehr zeitgemäß. Ärzte sollten berücksichtigen, dass die chirurgische Entfernung des Darms, die Kolektomie, eine „fragwürdige“ Heilung darstellt.

Die Patienten weisen zwar kein erhöhtes Krebs- Risiko mehr auf und müssten keine Medikamente mehr nehmen. Ihre Lebensqualität jedoch könne erheblich sinken, da der in der Regel angelegte Pouch mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen könne.

Ein Pouch (englisch: Beutel, Tasche) ist ein aus Dünndarmschlingen geformtes Reservoir. Es sammelt den flüssigen Darminhalt des Dünndarms und zögert die direkte Entleerung hinaus. So hätten die Patienten täglich fünf bis zehn Stuhlgänge – etwa die Hälfte davon ebenfalls in der Nacht.

Bei 13 Prozent der Patienten zum Beispiel kommt es laut Ehehalt zu einem Pouch-Versagen, bei 40 Prozent zu einer chronischen Entzündung (Pouchitis). Bei Frauen führt es zu einer reduzierten Fruchtbarkeit und bei Männern, in 1,5 Prozent der Fälle, zur Impotenz. Ehehalt: „Das Vermeiden der Kolektomie kann die Lebensqualität verbessern.“ Dennoch würden innerhalb von zehn Jahren 24 Prozent und innerhalb von 25 Jahren rund 30 Prozent der Patienten kolektomiert.

Umdenken gefordert

In Deutschland leiden rund 150.000 bis 200.000 oft junge Menschen an Colitis ulcerosa. Nur die Hälfte aller Patienten bleibt dauerhaft ohne Erkrankungsschub. Infolgedessen sind Patienten mit der chronischen Darmentzündung nachweislich häufiger arbeitslos, öfter krankgeschrieben, früher berentet und sozial inaktiver als die ´Normalbevölkerung´. Ihre Lebensqualität sinke dramatisch, so Ochsenkühn.

All das müsste zumindest nicht in diesem Umfang sein, schreibt der Arzt in dem medizinischen Fachblatt „GUT“. Seit einigen Jahren gibt es Medikamente auf dem Markt, die „das Amok laufende Immunsystem der Patienten bremsen könnten“.

Dass die Therapieversuche bislang mäßigen Erfolg zeigen, führt Ochsenkühn auf „Berührungsängste“ vieler Ärzte mit diesen modernen Arzneien zurück. Selbst in den für die Behandlung maßgebenden Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften schlage sich derlei Zurückhaltung nieder. Ein „Umdenken“ sei daher dringend notwendig.

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