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Stimmtherapie: Wie Sie die Sprache wieder finden

Es ist leicht, das Sprechen als etwas Selbstverständliches anzusehen. Sicherlich denken Sie nicht über den genauen Bewegungsablauf und die Gedankengänge nach, die das Sprechen erfordert. Aber wenn Sie eine Sprachbehinderung entwickeln, merken Sie, dass es nicht so einfach ist, sich verständlich zu machen. Ob als Folge einer Hirnverletzung, einer Mund- oder Rachenoperation – Kommunikationsschwierigkeiten können Sie auf vielfältigen Wegen treffen. Glücklicherweise kann in den meisten Fällen eine Stimmtherapie helfen. Sie kann Ihnen auch neue Methoden des Sprechens und Kommunizierens vermitteln.

Auch Erwachsene müssen manchmal sprechen lernen

Eine Stimmtherapie wird meist bei Kindern angewandt, deren Sprachentwicklung gestört ist. Aber auch Erwachsene können von dieser Behandlung profitieren. Einerseits kann damit Menschen mit Sprechfehlern wie Stottern und Poltern (überhastetes Sprechen, bei dem Silben und Wörter verschluckt oder verstellt werden) geholfen werden. Andererseits ist es ein Standardelement der Rehabilitation nach Schlaganfällen und anderen Hirnverletzungen. Ebenso hilfreich kann die Stimmtherapie sein, wenn bei einer fortschreitenden Hirnerkrankung das Sprechen so lange wie möglich erhalten bleiben soll. Eine Stimmtherapie wird meist von Spezialisten (Logotherapeuten) angeboten. Der Logotherapeut kann ein Übungsprogramm auf Ihre individuellen Bedürfnisse zuschneiden. Das Ziel der Behandlung ist die Fähigkeit zu kommunizieren, und zwar unabhängig davon, ob verloren gegangene Fähigkeiten wiedererlangt oder neue erlernt werden müssen. Selbst wenn Sie nicht mehr Ihre ursprünglichen Fertigkeiten erreichen, können Sie durch die Stimmtherapie neue Wege der Verständigung lernen.

Nach einem Schlaganfall ist alles anders

Mindestens ein Viertel aller Schlaganfallpatienten leidet anfangs unter Sprachbehinderungen. Je nach allgemeinem Gesundheitszustand und anderen Bedingungen kann die Sprachrehabilitation kurz nach dem eigentlichen Schlaganfall beginnen – manchmal schon einen Tag später. Ein frühzeitiger Beginn gilt als vorteilhaft, aber selbst mit Verspätung macht die Stimmtherapie noch Sinn. Vor Behandlungsbeginn werden Sie vielleicht eine Reihe von Tests durchlaufen, um die individuellen Probleme mit dem Sprechen zu ermitteln. Basierend auf den Testergebnissen kann Ihr Logotherapeut ein individuelles Programm zusammenstellen. Die typischen Aktivitäten jeder Sitzung hängen von dem bestehenden Problem ab. Sprechübungen sorgen für eine deutlichere Aussprache, damit das Gesagte verständlicher wird. Manchmal beinhalten die Sitzungen Übungen zum Verständnis von gesprochenen oder geschriebenen Wörtern; auch Schreibübungen können vorkommen. Wenn die Sprechfähigkeit verloren gegangen ist, dienen die Übungen auch der Handhabung von Computern oder anderen Geräten, die das Sprechen ersetzen sollen.

Fortschreitende Hirnerkrankungen erfordern Sprechtraining

Eine Stimmtherapie kann auch Patienten mit neurologischen Erkrankungen helfen, deren Sprechfähigkeit eingeschränkt ist. Dazu gehören Erkrankungen wie das Lou-Gehrigs-Syndrom (Amyotrophe Lateralsklerose, ALS), Muskeldystrophie, Multiple Sklerose, Parkinson-Krankheit oder Chorea Huntington. Mit dem Fortschreiten dieser Krankheiten können die verschiedenen Muskeln und andere Strukturen (z. B. Stimmbänder), die zum Sprechen nötig sind, beeinträchtigt werden. Ebenso können Muskeln zum Atmen oder Schlucken betroffen sein. Die Therapie konzentriert sich auf das Erlernen von Strategien und Techniken, die einen funktionellen Erhalt der Sprache versprechen. Dazu können langsames Sprechen, der Gebrauch von Kommunikationshilfen oder nichtverbale Ausdrucksformen gehören. Dieser Teil der Stimmtherapie widmet sich normalerweise nicht dem Muskeltraining, weil die Beanspruchung zu Ermüdung führen kann. Jedoch können anstrengende Sprechübungen bei einigen Störungen, wie der Parkinson-Krankheit, durchaus vorteilhaft sein.

Wie die Stimmtherapie funktioniert

Die Stimmtherapie kann Ihnen dabei helfen, sich an neue körperliche Gegebenheiten anzupassen und das Sprechen neu zu erlernen. Ein Logotherapeut kann Ihnen folgendermaßen helfen:

  • Lauterzeugung – Wenn Sie unter einer Heiserkeit leiden, die hartnäckig bestehen bleibt, kann Ihr Logotherapeut bei der Suche nach Verhaltensweisen helfen, die zu der Heiserkeit beitragen. Zu solchen Verhaltensweisen gehört zum Beispiel häufiges Räuspern, zu lautes Sprechen oder zu viel Spannung in der Kehle. Bestimmte Zustände können Ihre Artikulationsfähigkeit beeinflussen. So kann es vielleicht unumgänglich sein, Ihren Kehlkopf zu entfernen, wenn sich dort Krebs gebildet hat. Diese Operation wird Laryngektomie genannt. Wenn eine Laryngektomie bei Ihnen vorgenommen werden muss, kann Ihnen ein Sprachpädagoge beibringen, andere Geräuschquellen wie die Speiseröhre (ösophageale Sprache) oder einen künstlichen Kehlkopf zu nutzen. Die Funktion des Kehlkopfes kann auch durch eine Bestrahlungs- oder Chemotherapie leiden. Dann kann ein Training mithilfe eines Sprachpathologen nötig sein:
  • Wörter artikulieren – Schlaganfall und Hirnverletzungen können die Koordination der Sprechmuskeln schwächen oder behindern. Operationen, Bestrahlungs- oder Chemotherapie von Mund-Rachentumoren können einen ebenso starken Einfluss haben. Die Stimmtherapie kann Ihnen bei der Stärkung der Muskulatur helfen oder Ihnen beibringen, die Bewegung so zu modifizieren, dass Sie damit eine möglichst verständliche Lauterzeugung erreichen.
  • Atmen – Wenn Ihr Atmungsapparat nicht mehr normal funktioniert, kann eine Röhre über eine kleine Operationsöffnung in Ihrer Luftröhre (Trachea) eingeführt werden, um Ihnen das Atmen zu erleichtern. Dieser Eingriff wird Tracheotomie genannt. Dadurch kann der Luftstrom am Kehlkopf vorbei geleitet werden, sodass die Lauterzeugung erschwert wird. Wenn Sie eine Tracheotomie haben, kann ein Sprachpathologe mit Ihnen neue Möglichkeiten der Kommunikation entwickeln und Ihnen bei der Anpassung an eine neue Form des Sprechens helfen.
  • Schlucken – Schluckbeschwerden (Dysphagie) können das Ergebnis verschiedener Probleme sein, darunter Schlaganfall, fortschreitende neurologische Erkrankungen oder Behandlungen von Mund-Rachentumoren. Ein Sprachpathologe kann Ihre Schluckbeschwerden analysieren und einen Ernährungs-plan empfehlen, der Ihnen das Schlucken erleichtert. Sie oder er kennt außerdem alternative Schluckmethoden. Durch die Stimmtherapie erhalten Sie Übungen, mit denen Sie die Mund-, Rachen- und Halsmuskeln stärken können.
  • Lautstärke – Einige Zustände, wie Nervenschädigungen bei Kopf- und Halsverletzungen, Tumoren, Krankheit, Operationen oder Schlaganfall, können Ihre Stimmbänder lähmen. Vielleicht können Sie nur noch flüstern oder Ihre Sprache hört sich heiser und pfeifend an. Mit einer Stimmtherapie können Sie lernen, die Tonhöhe zu ändern und die Atemluft effektiver einzusetzen, damit Ihre Stimme lauter wird. Ein Verstärker kann hilfreich sein, um sich Gehör zu verschaffen.

Übung macht den Meister

Die Stimmtherapie kann bei einer Reihe von Verständigungsproblemen zum Einsatz kommen. Jede Stimmtherapie hat jedoch eines gemeinsam: Sie erfordert Aufmerksamkeit, Ehrgeiz und Übung. Die Sitzungen dauern meist 30 bis 60 Minuten. Ein Programm beinhaltet meist regelmäßige Treffen mit einem Sprachpathologen – entweder einzeln oder in einer Gruppe – und Übungen für Zuhause und andere empfohlene Aktivitäten. Obwohl diese Aktivitäten einfach klingen, können sie eine Herausforderung darstellen. Wenn die Sprechrehabilitation beginnt, müssen Sie sich meist an veränderte Lebensgewohnheiten anpassen, die durch Ihren Zustand oder eine Operation bedingt werden. Die Stimmtherapie kann sowohl körperlich als auch geistig anstrengend sein. Aktivitäten und Übungen, die früher leicht gewesen wären, können jetzt schwierig und frustrierend sein. Vielleicht wird es nicht möglich sein, Ihre ursprünglichen Sprechfertigkeiten wiederzuerlangen. Eine Stimmtherapie kann jedoch Techniken, Hilfestellung und Unterstützung bieten, um Ihre Heilung und die Wiederherstellung Ihrer Verständigung mit der Welt um Sie herum zu unterstützen.

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