Herzrhythmusstörungen sollten Sie nicht als harmlos abtun!
Dr. Dietmar Kowertz in Täglich Gesund
vom 1. September 2009, 16:00 Uhr
GNL5356
Vorhofflimmern ist im fortgeschrittenen Alter eine der häufigsten Ursachen von Herzrhythmusstörungen. Weit über eine halbe Million Deutsche sind davon betroffen. Von den Ärzten wurde diese Störung der Erregungsleitung im Herzen noch bis vor wenigen Jahren als harmlos abgetan. Heute allerdings wird sie als ernsthaftes Gesundheitsrisiko eingestuft. Vorhofflimmern erhöht das Herzinfarkt-Risiko um das Fünf- bis Siebenfache und steht im Verdacht, für das Entstehen der Herzinsuffizienz, eine Verminderung der Pumpleistung des Herzens, mitverantwortlich zu sein. Über die neuesten Diagnose- und Therapietrends auf diesem Gebiet erfuhren wir mehr von Dr. Jennifer Cummings, Elektrophysiologin und Kardiologin in Cleveland.
Wie hoch ist Ihr Risiko?
Vorhofflimmern trifft häufig Männer und Frauen über 60. Sie leiden typischerweise unter Bluthochdruck und/oder einer akuten bzw. überstandenen Herzerkrankung (z.B. koronare Herzkrankheit, Herzklappenprobleme, Herzoperation). Auch ein Lungenemphysem kann als Auslöser in Betracht kommen. Weitere Ursachen: eine Schilddrüsenüberfunktion, Schlaf-Apnoe (zeitweiser Stillstand der Atemfunktion während des Schlafs), Stress und der Missbrauch von Genussgiften wie Koffein oder Alkohol.
Kennen Sie die typischen Symptome?
Beim Vorhofflimmern geraten die Herzvorkammern minuten- bis stundenweise aus dem Takt, d.h,. ihr Rhythmus ist nicht mehr mit dem der Hauptkammern synchron. Die Folge: Der Herzschlag wird schnell und ungleichmäßig. Statt der normalen 60 bis 90 Schläge pro Minute kann die Herzfrequenz auf 175 und mehr ansteigen. Der Betroffene spürt das Herzrasen, oft auch einen Druck oder Schmerz im oberen Brustbereich; auch Kurzatmigkeit und/oder Schwindel sowie Konzentrationsstörungen sind typische Anzeichen. Wenn Sie diese an sich wahrnehmen, sollten Sie rasch Ihren Arzt aufsuchen. Zur Abklärung der Ursache stehen ihm geeignete Untersuchungsmethoden zur Verfügung, etwa das EKG oder das Echokardiogramm (Ultraschalluntersuchung des Herzens). Zudem wird er Ihnen Blut abnehmen, um Schilddrüsenprobleme abzuklären.
Was kann Ihr Arzt tun?
Die bisherige Behandlung von Vorhofflimmern beschränkte sich auf eine Normalisierung des Herzrhythmus, etwa durch einen elektrischen Impuls, der das Herz wieder synchronisiert (sog. Kardioversion), sowie auf die Einnahme von Blutverdünnern wie Warfarin (Handelsname z.B. Coumadin), um das Risiko einer Blutgerinnung und damit eines Herzinfarkts herabzusetzen. Die amerikanische und die europäische Gesellschaft für Kardiologie haben im vergangenen Jahr eine gemeinsame Empfehlung für die Behandlung von Vorhofflimmern erarbeitet. Für Patienten über 70, die zudem an hohem Blutdruck und Herzerkrankungen leiden, wird demnach eine Behandlung mit Medikamenten zur Beeinflussung der Herzfrequenz empfohlen, beispielsweise mit Beta-Blockern oder Kalziumkanal- Blockern. Für Patienten unter 70, die nicht unter zusätzlichen Herz-Kreislauf-Störungen leiden, werden Medikamente zur Beeinflussung des Herzrhythmus empfohlen, z.B. Propafenon (Rytmonorm) oder Flecainid (Tambocor). Die Wirksamkeit dieser Medikamente nimmt jedoch mit zunehmender Behandlungsdauer ab. Zudem verursachen sie unerwünschte Nebenwirkungen wie „Herzstolpern", Schilddrüsen-, Lungen- und Leberstörungen.
Patienten, die trotz einer dieser Behandlungsstrategien weiterhin unter Vorhofflimmern leiden, kann meist mit einer Kardioversion geholfen werden. Dabei bekommt das Herz einen genau berechneten Stromschlag, sozusagen als Taktgeber, damit es seinen normalen Rhythmus wieder aufnehmen kann. Der Patient erhält hierzu eine ca. fünfminütige Vollnarkose. Häufig ist eine wiederholte Anwendung dieser Therapie erforderlich. Leider führen weder Kardioversion noch die Behandlung mit den genannten Medikamenten zur „Heilung" des Vorhofflimmerns. Denn dessen Ursachen werden damit nicht beseitigt. Zudem sind die vielen Begleiterscheinungen, bis hin zu Seh- und Atemproblemen, und die Nebenwirkungen der Wirkstoffe für die Betroffenen sehr belastend sowie auf Dauer nicht zumutbar.
Minimaler Eingriff bringt die Heilung
Ein minimalinvasiver chirurgischer Eingriff, Ablation genannt, vermag die Ursachen des Vorhofflimmerns zu beseitigen. Dabei setzt ein Herzchirurg oder ein Elektrophysiologe (ein Kardiologe, der sich auf die Erregungsleitung des Herzens spezialisiert hat) kleinste Brandnarben an ganz bestimmte Stellen an der Herzoberfläche oder im Inneren. Diese blockieren fortan die fehlgeleiteten elektrischen Nervensignale. Das chirurgische Instrument wird nach örtlicher Betäubung und unter Röntgen-Durchleuchtung mit einem Katheter entweder via Leistenvene oder durch einen kleinen Schnitt an der Seite des Brustkorbs eingeführt. Die nur ca. 1 mm langen Narben werden entweder mit hochfrequentem Strom, Laser, Ultraschall oder mittels Kälteeinwirkung (Kryoablation) gesetzt, wobei das letztgenannte Verfahren oft die besseren Resultate liefert und zudem schmerzfrei ist. Die noch relative junge Operationstechnik ist bei 80 bis 85 Prozent der Patienten von Erfolg gekrönt, d.h., ihr Herz zeigt anschließend keine Rhythmusstörungen mehr. Die restlichen 15 bis 20 Prozent können fast vollständig durch einen zweiten Eingriff geheilt werden. Bei der Operation besteht wie bei allen Eingriffen am Herzen ein geringes Risiko. Komplikationen durch plötzlich auftretende Herzinfarkte oder eine Perforation des Herzens liegen unter 2 Prozent aller Ablationen. Sicherheitshalber müssen die Medikamente nach der Operation noch bis zu einem Jahr weiterhin eingenommen werden.