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Lymphödem nach Brustkrebsoperation

Manche Frauen scheint es besonders hart zu treffen: Sie müssen nicht nur die Diagnose Brustkrebs und nach einer radikalen Operation (Mastektomie) den Verlust der Brust verkraften. Die Chirurgen entfernen immer auch Lymphknoten aus der Achselhöhle der betroffenen Seite.

Das ist wichtig für die Diagnose, die Klassifikation des Mammakarzinoms und die Therapie. Entfernt man mehr als 10 bis 12 Lymphknoten, bildet sich unter Umständen ein Lymphödem im Arm derselben Seite. Die komplexe Entstauungstherapie bietet hier eine große Hilfe. Wichtig ist allerdings, dass Sie früh genug damit beginnen: Am besten, bevor sich das Gewebe verhärtet.

Das Lymphsystem filtert und transportiert

Aufgabe der Lymphgefäße ist es, Eiweißstoffe, Fette, Stoffwechselprodukte, Zellen, Zellreste und überschüssiges Wasser aus dem Gewebe abzutransportieren. Diese „Abfallprodukte“ speist der Körper über die sammelnden und zum Körperzentrum hin größer werdenden Lymphbahnen in den Venenkreislauf ein. Dabei teilt man den Körper in vier Quadranten ein: Linker Arm mit linker Brust und Kopfhälfte, rechter Arm mit rechter Brust und Kopfhälfte, linkes Bein mit linkem Unterleib, rechtes Bein mit rechtem Unterleib. Die Quadranten entsprechen jeweils einem Einzugsgebiet und stehen über Querverbindungen miteinander in Beziehung.

Das lymphatische Gefäßnetz des Armes besteht aus einem oberflächlichen und einem tiefliegenden System. Das oberflächliche ist stärker ausgebildet als das tieferliegende System und transportiert entsprechend mehr Lymphe. In ihm fließt die Lymphflüssigkeit aus dem Haut- und Unterhautbereich, im tiefen System fließt die Lymphe aus dem Muskelbereich. Beide Systeme verbinden Kanäle miteinander, vor allem das Netzwerk von Lymphknoten und Gefäßen in der Achselhöhle.

Welche Brustkrebspatientin trägt ein Risiko?

Entfernt man im Rahmen einer Brustoperation eine größere Anzahl von Achsellymphknoten, beeinträchtigt das die Drainagefunktion des Lymphsystems. Der Druck in den Lymphgefäßen des Armes steigt. Kann der Inhalt nicht über Querverbindungen abfließen, weil deren Kapazität überschritten ist, entsteht ein Lymphstau. Lymphe tritt ins Gewebe aus und es bildet sich ein Lymphödem. Der Arm schwillt an. Da aber nicht nur Flüssigkeit, sondern auch Zellen ins Gewebe austreten, die immer mehr Flüssigkeit nach sich ziehen, entwickelt sich ein Teufelskreis. Mit der Zeit verhärtet das gestaute Gewebe und der Zustand bleibt chronisch.

Je mehr Lymphknoten der Chirurg entfernt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Lymphe zurückstaut. Früher, als man die axillären Lymphknoten einer Strahlenbehandlung unterzog (gilt heute nicht mehr), trat häufig als deren Folge ein Armlymphödem auf. Wundheilungsstörungen und Infektionen können heute noch zu seiner Entstehung beitragen. Eine Rekonstruktion der Brust hingegen steht nicht in diesem Verdacht.

Wie erkennen Sie ein beginnendes Lymphödem?

Ein Lymphödem nach einer Operation zeigt sich in den meisten Fällen nach wenigen Wochen. Die Symptome beginnen schleichend: Allmählich wird der Arm dicker. Das Lymphödem fühlt sich zunächst weich an und lässt sich wegdrücken. Später verfestigt sich das Gewebe. Die Haut verfärbt sich bräunlich, die Oberhaut wird dicker und fühlt sich derb an.

Der Arm ist schwer und in seiner Beweglichkeit gehemmt. Schmerzen und Missempfindungen stellen sich manchmal ein. Hinzu kommt das kosmetische Problem. Da die Schwellungen bis in die Hände und Finger reichen, kann man sie nicht unter der Kleidung verstecken.

So schonend wie möglich…

Die Ärzte führen einen Eingriff an der Brust so radikal wie nötig, aber so schonend wie möglich durch. Das gilt auch für die Entfernung der Lymphknoten in der Achselhöhle. Nach der Operation lagert die Patientin den Arm hoch, um den Lymphabfluss zu erleichtern. Pumpübungen mit der Hand fördern den Rückstrom der Flüssigkeit über vorhandene, ruhende Gefäßverbindungen.

An diesem Arm nimmt man weder Blutabnahmen noch Injektionen oder Blutdruckmessungen vor. Alles, was staut oder verletzt, ist absolut zu vermeiden. In vielen Fällen bildet sich ein leichtes Lymphödem nach einiger Zeit zurück. Dies geschieht, wenn sich durch die erwähnten Querverbindungen (Kollateralen) neue Lymphbahnen gebildet haben. Wenn diese Kollateralen nicht ausreichen, kommt es zum Stau.

Regelmäßige Lymphdrainage

Die Therapie des ausgebildeten Lymphödems besteht in einer komplexen physikalischen Entstauung, deren Grundstock die manuelle Lymphdrainage bildet. Die gesetzlichen Kassen tragen sie nach ärztlicher Verordnung und nur speziell ausgebildete Physiotherapeuten führen sie durch. Ziel dieser mit den Händen ausgeführten Drainage ist es, durch Stimulation der benachbarten, vom Stau nicht betroffenen Rumpfquadranten zunächst die dort befindlichen Lymphgefäße zu einer verstärkten Tätigkeit anzuregen. Damit soll der Körper die Lymphe aus dem gestauten Bereich quasi in die gesunden Gebiete hinüber „saugen“.

In einem zweiten Schritt schiebt der Physiotherapeut die Ödemflüssigkeit aus dem gestauten Bereich in Rumpfnähe vorsichtig in die angrenzenden Rumpfquadranten. Anschließend streicht er nacheinander Oberarm, Unterarm, Hand und Finger aus.

Die gesamte physikalische Entstauungstherapie

Neben der Lymphdrainage spielt das Anlegen von Kompressionsbandagen oder -armstrümpfen eine wichtige Rolle. Das hat lediglich Sinn, wenn eine manuelle Lymphdrainage vorangegangen ist. Krankengymnastische Übungen und eine sorgfältige Hautpflege vervollständigen das Programm der komplexen physikalischen Entstauungstherapie. Die medikamentöse Behandlung spielt beim Lymphödem eine untergeordnete Rolle. Entwässernde Substanzen entfernen vor allem die Flüssigkeit aus dem Blutkreislauf über die Nieren. Bei örtlichen Wasseransammlungen richten sie nur wenig aus.

In besonders schweren Fällen ist eine chirurgische Behandlung zu erwägen. Dabei entfernt man entweder extrem gestautes Ödemgewebe und deckt es mit einem Hauttransplantat oder man versucht, mikrochirurgisch neue Verbindungen zwischen Lymphgefäßen oder zwischen Lymphgefäßen und Venen zu schaffen. Die Ergebnisse sind noch unsicher. Versuche mit dem Laser befinden sich mehr oder weniger im experimentellen Stadium.

Verhaltensregeln für den Alltag

Jede Brustkrebspatientin, bei der man mehr als 10 bis 12 Lymphknoten entfernte, trägt ein Risiko, dass sich auch nach Jahren ein Lymphödem entwickelt. Sie sollte den Arm der betroffenen Seite vor jeder Belastung und Verletzung bewahren, ihn aber regelmäßig und ohne Druck bewegen. Folgende Verhaltensregeln dienen der Verhütung. Man sollte sie inbesondere beachten, wenn bereits ein Arm-Lymphödem besteht.

  • BHs dürfen weder an der Schulter noch unter der Brust einschneiden. Legen Sie unter Umständen ein Polster unter den Träger. Die Brustprothese sollte möglichst leicht sein, damit ihr Gewicht nicht zu Abschnürungen führt. Ärmel und Gürtel müssen locker sitzen.
  • Legen Sie sich beim Schlafen nicht auf den geschwollenen Arm und lassen Sie ihn nicht aus dem Bett hängen.
  • Achten Sie in Ihrer Ernährung darauf, dass Sie essentielle Fettsäuren zu sich nehmen (z. B. in Ölen, Nüssen, Sonnenblumenkernen). Diese sind wichtig für das lymphatische System.
  • Machen Sie bei hochgehobenem Arm Pumpübungen mit der Hand.
  • Mit dem betroffenen Arm sollten Sie weder schwere Einkaufstaschen oder Getränkekästen tragen noch Möbel rücken. Verletzungen, Hitze- und Kälteeinwirkungen müssen Sie unbedingt vermeiden. Vorsicht mit scharfen und spitzen Gegenständen wie Messer oder Nähnadeln. Bügeleisen und Backofen stellen weitere Gefahrenquellen im Haushalt dar.
  • Schützen Sie den gefährdeten Arm vor Insektenstichen, weil diese ein Lymphödem auslösen oder verstärken können. Im Garten auf Verletzungen mit Dornen oder Geräten achten. Verletzungen oder Entzündungen am gefährdeten Arm bringen die Gefahr mit sich, funktionstüchtige Lymphgefäße zu durchtrennen oder zu schädigen bzw. sich mit zu entzünden. Begeben Sie sich sofort in ärztliche Behandlung.
  • Vorsicht beim Nägelschneiden. Gehen Sie nicht in die Sauna. Beim Sonnenbad den betroffenen Arm vor Überhitzung und Sonnenbrand schützen. Meiden Sie heiße Trockenhauben.
  • Keine ruckartigen Bewegungen mit dem geschwollenen Arm beim Sport. Tennis, Golf, Handball, Kegeln und Skilauf eignen sich für Sie nicht. Zu empfehlen ist ruhiges Schwimmen.
  • Lassen Sie sich den Blutdruck beim Arzt nicht am vom Ödem betroffenen Arm messen! Dort darf er  weder Infusionen verabreichen, noch Akupunktur, Neuraltherapie oder Blutentnahmen vornehmen.
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