Ganz auf sich allein gestellt: Visionssuche wird immer beliebter
Sylvia Schneider in Naturmedizin aktuell
vom 13.03.2008 06:00 Uhr
GNL5356
Liebe Leserin,
lieber Leser,
lassen Sie uns noch ein wenig bei der Natur verweilen. Seit einigen Jahren entscheiden sich immer mehr Menschen, für eine begrenzte Zeit die Nabelschnur zur Zivilisation zu kappen, um in der Natur sich selbst zu begegnen. Dafür bieten ihnen Anthropologen, Sozialpädagogen, Psychologen und Ökologen eine moderne „Chill-out“-Form an: die Visionssuche. Sie ist althergebrachten Initiationsriten, die es bei etlichen Völkern gibt, nachempfunden. Manche Indianerstämme beispielsweise schicken ihre jungen Männer, wenn sie in das Alter der Mannbarkeit kommen, für einige Zeit allein in die Wildnis. Hier sollen sie überleben lernen, dem Universum näher kommen, Ehrfurcht vor der Natur entwickeln und sich mit den Visionen befassen, die sie hier heimsuchen.
Heute können Sie ein solches Erlebnis als Seminar buchen – sei es in den Wäldern des Bayerischen Waldes, in der Abgeschiedenheit mancher Bergtäler oder – etwas schicker – in den Landstrichen der Toskana. Für einige Tage und Nächte heißt es Abschied nehmen von der Zivilisationstechnik und sich – ohne Zelt und Nahrung – in die Gemeinschaft mit der Natur zu begeben.
Auf dem nackten Leben kauen
Das löst die unterschiedlichsten Gefühle aus. „Man beginnt in der Einsamkeit auf dem nackten Leben zu kauen und die eigene Vergangenheit zu verdauen, fühlt sich mal einsam, schutzlos, dann wieder ekstatisch und verbunden“, berichtet Geseko von Lüpke der Zeitschrift „natur & kosmos“ nach der Teilnahme an einem solchen Seminar. Fragen des Lebens würden aufgeworfen, nach dem eigenen Platz in der Welt. In der Stille des Rückzugs verändert sich der Blick auf das eigene Leben.
Die Grenzen zwischen Außen und Innen lösen sich mehr und mehr auf. Der Augsburger Psychoanalytiker Rolf Haubl interpretiert das so: „Während die klassische Psychoanalyse den Zugang zur Seele über Träume und Fehlleistungen sucht, hat die Wildnis-Bewegung im Grunde genommen eine neue Therapie-Richtung eingeschlagen. Sie besteht darin, durch die Konfrontation mit der äußeren Wildnis einen Zugang zu unserer inneren Wildnis, zum Unbewussten und Verdrängten zu finden.“ Durch die Konfrontation mit der äußeren Natur finden wir einen Zugang zu unserer inneren Natur, zum Unbewussten und Verdrängten. Die Visionssuche in der Natur bedeutet sich selbst (nur noch) als Teil des großen Ganzen erleben.
Sie sehen, die Wirkungen der Natur auf den Menschen sind ungeheuer vielfältig.
Ihre Sylvia Schneider