Essstörungen: Wenn gesunde Ernährung zur Besessenheit wird
Sylvia Schneider in Täglich Gesund
vom 8. Juli 2008, 16:00 Uhr
GNL5356
In letzter Zeit macht eine neue Frauenkrankheit von sich reden: die Orthorexie. Aus dem guten Vorsatz, gesünder zu essen, wird eine Sucht, die sämtliche Lebensfreude vergällt. Für diese krankhafte Besessenheit, sich gesund zu ernähren, wurde erst vor wenigen Jahren der Begriff Orthorexie" (von ortho = griechisch für richtig und orexis = für Appetit) geprägt. Damit sind eine übersteigerte Fixierung auf gesunde Nahrungsmittel sowie der Verzicht von Genuss und Lust beim Essen gemeint. Auch bei dieser Essstörung dreht sich am Ende das ganze Denken nur noch um das Essen. Im Vordergrund steht allerdings nicht wie bei der Magersucht der innere Zwang, so wenig wie möglich zu essen, sondern das drängende Gefühl, nur noch richtig gesunde Dinge zu sich nehmen zu wollen. Die Definition dessen, was die Betroffenen als gesund empfinden, wird dabei immer enger gezogen und kann schließlich extreme Formen annehmen. Das ist häufig bei Vegetarierinnen der Fall, von denen etliche am Ende stark untergewichtig sind. Orthorektikerinnen beschäftigen sich ebenfalls nur noch damit, was sie - vermeintlich - essen dürfen. Alles, was sie zu sich nehmen, wird minutiös geplant und der Genuss dem Diktat untergeordnet. Sie ... sind stolz darauf, dass sie die dafür erforderliche Selbstdisziplin aufbringen, und genießen das Gefühl der totalen Kontrolle. Schon bei geringen Abweichungen von ihrem Diätplan kommt es zu Schuldgefühlen und Selbsthass", schreibt die Marburger Ärztin Dr. Ute Mader in der Fachzeitschrift Ernährungsmedizin".
Die Orthorexie ist eine Krankheit besserer Kreise"
Professor Gerhard Jahreis, Direktor des Institutes für Ernährungswissenschaften der Universität Jena, ist davon überzeugt, dass die Orthorexie in vielen Fällen der Einstieg in noch schwerere Essstörungen ist. Gefährdet seien besonders Mädchen und Frauen aus besseren" Kreisen, die hohen Anforderungen auch an ihr Äußeres ausgesetzt sind. Die Orthorexie ist zunächst ... eine Art Frühwarnsystem." Um schwerwiegende Folgen zu vermeiden, sollte sie so früh wie möglich behandelt werden. Eine weitere Ursache - so der Lübecker Psychosomatiker Professor Detlev O. Nutzinger - ist übertriebene Krankheitsangst oder die panische Furcht, sich durch ungesunde Nahrungsmittel zu vergiften. Die betroffenen Frauen sind nach seiner Erfahrung besonders empfänglich für sehr einschränkende Ernährungsempfehlungen von alternativer Seite oder selbst ernannten Ernährungsgurus. Auch die Lebensmittelskandale der letzten Jahre haben die Häufigkeit dieser Erkrankung gesteigert, die oft in einen Gesundheitsfanatismus oder eine quasi religiöse Vernarrtheit mündet. Rigide Schlankheitskuren sind ebenfalls oft ein Auslöser.
Charakteristisch für die Betroffenen ist die Einteilung der Nahrungsmittel in gut" und schlimm", in richtig" und falsch", in gesund" und bedrohlich". Genuss ist tabu, das Motto der Ernährung könnte lauten Hauptsache, es schmeckt mir nicht!" Die sozialen Kontakte werden eingeschränkt, da geselliges Essen als Zumutung empfunden wird. Umgekehrt gehen Orthorektikerinnen ihrer Umwelt auch auf die Nerven, weil sie die anderen in ihrem fundamentalen Dogmatismus zu missionieren versuchen. Am Ende sind sie oft völlig isoliert und leiden unter Wahnvorstellungen wie dieser, dass sie bei Normalessern die Ausdünstungen ungesunder Speisen wahrzunehmen glauben.
Die wichtigste Vorbeugung: Geben Sie den schönen Seiten des Lebens genügend Raum
Orthorektikerinnen sind sehr lange nicht bereit, ihr gestörtes Essverhalten einzusehen, denn es ist ja vermeintlich gesund". So lange sie meinen, alles im Griff zu haben, sind Sie meist keinerlei Argumenten zugänglich. Erst wenn sich Krankheitssymptome einstellen wie Freudlosigkeit, Isolation, dauerndes Kältegefühl, Müdigkeit, Ausbleiben der Regelblutung, Haarausfall, ändert sich dies allmählich. Die Behandlung der Orthorexie basiert grundsätzlich auf den beiden Säulen Ernährungsmanagement und Psychotherapie. Ziel des Ernährungsmanagements Ernährungsmanagements ist es, die verbotenen" Speisen wieder schrittweise in den Ernährungsplan einzubauen. Im Rahmen der Psychotherapie soll vor allem das angeknackste Selbstwertgefühl wieder aufgepäppelt werden. Die wichtigste Gegenmaßnahme: Den schönen Seiten des Lebens muss wieder genügend Raum verschafft werden.