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Mit Sauerstoff angereichertes Wasser: Eine gesundheitliche Fehlinvestition

Die Idee, dass Sauerstoff nicht nur über die Lunge, sondern auch über Magen und Darm und in sehr geringen Mengen auch über die Haut aufgenommen werden kann, stammt aus etwa 80 Jahre alten Tierexperimenten.

Daraus ist heute ein Ernährungstrend geworden: Mit Sauerstoff angereichertes Wasser soll laut Werbebotschaft Lebensfreude, raschere Erholung und mehr Energie schenken. Brauchen Sie wirklich mehr als den Sauerstoff in der Luft zum Atmen?

Wir brauchen Sauerstoff zum Leben wie keinen zweiten Stoff. Daran besteht kein Zweifel. Je mehr wir aufnehmen können, desto besser geht es uns, heißt es. Das brachte findige Geschäftsleute dazu, Sauerstoff auf ungewöhnliche Weise zu verkaufen.

Obwohl eigentlich genug Sauerstoff in der Luft steckt, kann man ihn zusätzlich mit neuen Cremes auf die Haut geben, ihn aufsprühen, trinken, in Sauerstoffbars hoch konzentriert einatmen oder sich damit einseifen.

Der letzte Schrei sind mit Sauerstoff angereicherte Mineralwässer. In ihnen steckt im Schnitt 15- bis 25-mal mehr O2 – wie der Sauerstoff chemisch heißt – als in normalem Trinkwasser. Das entspricht etwa 5 Atemzügen.

Mehr Sauerstoff soll Ihre Leistung steigern

Das Institut für medizinische Physiologie der Universität Wien unter der Leitung von Professor Wolfgang Marktl bestätigt diesen Trend: Durch Trinken von Sauerstoffwassser könne mit weniger Anstrengung die gleiche Leistung erzielt werden, und der Körper Körper regeneriere sich schneller.

Die Symptome des Sauerstoffmangels kennen wir alle: Müdigkeit, Schlappheit, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme. Alles Folgen von Luftnot im Gehirn. Das Göttinger Institut testete Sekretärinnen in der Phase des mittäglichen Leistungstiefs und stellte fest, dass mit einer Extraportion Sauerstoff aus Mineralwasser unterschiedlichste Aufgaben besser bewältigt wurden.

„Magen und Darm sind neben Lungen- und Hautatmung neue, noch nicht genutzte Wege, dem Körper Sauerstoff zuzuführen“, unterstützt Klaus-Dieter Neander vom Deutschen Institut für Pflegemittelforschung und Beratung in Göttingen.

Die meisten Wissenschaftler halten das in diesem Zusammenhang schlicht für Humbug. Neander selbst schränkt ein: „Das bringt natürlich nur jemandem etwas, der unter akutem oder chronischem Sauerstoffmangel leidet.“

Mediziner bezweifeln die Wirkung

Gestresste Menschen, die besonders „hip“ sind, gönnen sich heute in Szenebars eine frische Brise. Was bis vor ein paar Jahren nur Patienten auf Intensivstationen vergönnt war, macht heute unter Prominenten Furore. Eine halbe Stunde 94-prozentigen Sauerstoff durch eine Atem-Maske bringt verbrauchte Energie sofort zurück und muss mit 14 bis 35 € bezahlt werden.

Von besserem Sex bis zu gesünderem Zahnfleisch – für all dies soll die Extraportion Sauerstoff gut sein. Mediziner allerdings bezweifeln dies – obwohl sich die Sauerstoff-Therapie in der Medizin bei einigen Indikationen bewährt hat. Der Organismus sei mit etwa 21 % Sauerstoffgehalt in der Luft, von denen er ohnehin nur 4 % nutzt, von Natur aus eigentlich bestens versorgt. Anderenfalls würden wir ja auch gar nicht überleben können.

Reinen Sauerstoff einzuatmen ist sinnlos und sogar gefährlich, da er die Lunge schädigen kann, sagen sie. Denn mehr als der Farbstoff in den roten Blutkörperchen an Sauerstoff binden kann, wird ohnehin nicht aufgenommen. Den Rest verpusten wir wieder in die Umwelt.

Nur wenn der Kreislauf so schwach ist, dass das Blut zu wenig Sauerstoff aufnimmt, macht die Aufnahme von reinem Sauerstoff Sinn. Deswegen wird er auf der Intensivstation eingesetzt, wo man aber immer versucht, die Sauerstoffkonzentration so niedrig wie möglich zu halten.

Die Sauerstoffsättigung des Blutes liegt in aller Regel selbst im Ruhezustand bei fast 100 %. Allein durch Bewegung verbessert sich die Speichermöglichkeit der Zellen – und damit die Leistungsfähigkeit. Am preiswertesten und effektivsten sind Joggen und Walken.

Sauerstoff aus dem Magen spielt keine Rolle

Auch die angeblich positiven Effekte von mit Sauerstoff angereichertem Wasser können Experten nicht so recht nachvollziehen. Der Mediziner und Privatdozent Dr. Frank Lammert vom Universitätsklinikum Aachen hat sich zusammen mit Kollegen einmal die wissenschaftliche Lage angeschaut.

Zwar sei die Aufnahme von Sauerstoff aus Mineralwasser bei entsprechender Dosierung im Tierexperiment nachgewiesen. Doch sei der durch den Magen aufgenommene Sauerstoff nach der Lungenpassage, in der das Blut mit eingeatmetem Sauerstoff so oder so gesättigt wird, nicht mehr von Bedeutung, schreibt er in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Ernährung & Medizin.

Deshalb ließen sich die positiven Effekte des mit Sauerstoff angereicherten Wassern in klinischen Studien beim Menschen auch nicht nachweisen. Zudem müssten negative Auswirkungen auf den Magen, die Durchblutung der Pfortader und den Säure-Basen-Haushalt erforscht werden.

Aus seiner Sicht kann Sauerstoff angereichertes Wasser weder zur Prophylaxe noch zur Behandlung etwa von Lebererkrankungen, zur Steigerung der Leberfunktion oder zur besseren Verarbeitung von Stress und Belastungssituationen empfohlen werden.

Dass sich die Sauerstoff-Fans trotzdem besser fühlen, ist möglicherweise auf einen psychologischen Effekt zurückzuführen. Wir verbinden automatisch mit dem Begriff „Sauerstoff“ Frische, Fitness und Jugend. Und so finden sie sich automatisch erfrischt.

„Wer meint, dass es ihm hilft, soll sich nicht aufhalten lassen. Autosuggestion Autosuggestion ist eine gute Fähigkeit des Menschen“, unterstützt Neander die Anhänger der Sauerstoffpulle.

Sauerstoff lässt sich als Trend gut verkaufen

Unter Stars ist zusätzlicher Sauerstoff schon lange ein Geheimtipp und steht als Allheilmittel und Fitmacher hoch im Kurs. „Zusätzlicher Sauerstoff macht mich fit, und ich habe auch das Gefühl, meine Reaktionen sind schneller geworden“, lobte Torkeeper Kahn eine Weile vor der Europameisterschaft ein trendiges Sauerstoffwasser in der Werbung.

Nachdem wir jetzt wissen, wie die Fußball-Europameisterschaften ausgegangen sind, muss man das wohl eher als Beweis für die Nutzlosigkeit werten. Immer noch besser und wirksamer ist regelmäßiges strammes Spazierengehen an der frischen Luft.

Der Intelligenzforscher Siegfried Lehr hat noch einen anderen Tipp parat: Ständiges Kauen versorgt das Gehirn mit mehr Sauerstoff. Deshalb schenke der Kaugummi (ohne Zucker) zwischendurch dem Gehirn pure O2-Energie.

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