Doktor-Fische gegen trockene, harte Haut? Nur wenn die Hygiene stimmt!

in Täglich Gesund
vom


von Inga-Maria Richberg, Chefredakteurin von "Natur und Gesundheit"

Warum denn in die Ferne schweifen ...? Eine süddeutsche Heilpraktikerin kam als Erste auf die Idee und bot ihren Patienten Knabber-Bäder mit den berühmten türkischen "Doktor-Fischen" an. Seit mehreren TV-Berichten ist daraus ein echter Boom geworden. Der neueste Schrei sind Fischbäder in der hauseigenen Regentonne. Im Folgenden erfahren Sie, ob die Fischtherapie bei Schuppenflechte medizinisch wirklich sinnvoll ist, welche hygienischen Bedingungen dabei unbedingt einzuhalten sind und warum Ihre Haut auch weiterhin intensive Behandlung braucht.


Die Schuppenflechte verläuft oft in Schüben

Die Schuppenflechte (Psoriasis, von griech.: psora = Juckreiz, Kratzen) ist eine meist in Schüben verlaufende, chronische Hauterkrankung, an der ca. 2 Millionen Bundesbürger leiden. Im Gegensatz zu allergischen Hautleiden wie z. B. Neurodermitis und Nesselsucht zeigt sich bei der Schuppenflechte keine zunehmende Tendenz. In der Regel tritt sie erstmals im jungen Erwachsenenalter zwischen 16 und 21 Jahren oder in der zweiten Lebenshälfte nach dem 50. Lebensjahr auf. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen.

Meist trifft es die Haut an den großen Gelenken

Typisch für die Erkrankung sind scharf abgegrenzte, erhabene rote Herde (Plaques), die mit dicken, silbrig- weißen Hautschuppen bedeckt sind. Juckreiz ist häufig vorhanden.

Diese Körperbereiche sind bevorzugt betroffen:

  • Außenseiten der großen Gelenke (Knie, Ellbogen)
  • Kreuzbeinbereich
  • Kopfhaut

Bei schwerem Verlauf können alle Gelenke und große Hautareale erkrankt sein.

Nicht nur die Gene sind schuld

Bei ca. 30 bis 40 % der Psoriasis-Patienten liegt eine genetische Veranlagung vor, die nach derzeitigem medizinischen Kenntnisstand vorwiegend von den Genen des Vaters übertragen wird. Damit die Krankheit zum Ausbruch kommt, müssen aber weitere auslösende Faktoren hinzukommen.

Zu den Auslösern gehören:

  • Druck und Verletzungen
  • hormonelle Umstellungen
  • bakterielle Infektionen mit Streptokokken (z. B. eitrige Mandelentzündungen, Mittelohrentzündungen)
  • Medikamente (z. B. ACE-Hemmer und Betablocker gegen Bluthochdruck, Malariamittel, kortisonfreie Rheumapräparate)
  • emotionale Belastungen

Letztendlich kommen die Herde durch eine fehlgeleitete Immunabwehr zustande. T1-Lymphozyten greifen fälschlicherweise die Zellen der Oberhaut an, die für die Hauterneuerung zuständig sind. Diese wehren sich mit einem extrem beschleunigten Nachwachsen, das siebenmal schneller verläuft als normal und zur Bildung der harten, silbrigen Schuppen führt.

Der erste Schritt: Schuppen entfernen

Bei leichter bis mittlerer Ausprägung wird die Schuppenflechte v. a. äußerlich behandelt. Bei schwerem Verlauf werden häufig starke synthetische Medikamente zur Hemmung der beschleunigten Zellteilung notwendig. Die äußerliche Behandlung dient zunächst dem Ablösen der Hautplaques mit Salbenverbänden aus Salicylsäure, Harnstoff oder Milchsäure. Danach werden entzündungshemmende Wirkstoffe in Salbenform aufgetragen, z. B. das sehr bewährte synthetische Dithranol. Als gleichwertig hat sich eine berberinhaltige Salbe erwiesen, die aus dem Mahonien-Strauch (Mahonia aquifolium) hergestellt wird.

Doktor-Fische können die kranke Haut entschuppen

Da das Ablösen der harten Plaques oft sehr schwierig ist, finden die Jubelberichte über die Doktor-Fische in der Laienpresse großes Interesse bei verzweifelten Psoriasis-Patienten. Als Geheimtipp galt die Fischtherapie schon lange – nur mussten die Patienten den langen Weg in die ostanatolische Provinz Sivas zu einem privaten Thermalbad bei Kangal auf sich nehmen. Dort sind die bis zu 14 cm langen Doktor-Fische (Garra rufa und Cyprinion macrostanus aus der Familie der Karpfen) in einem 35 °C warmen Thermalbach heimisch. Er speist – mitsamt Fischen – ein privates Thermalbad. Weil die Fische wegen der hohen Temperatur kaum natürliche Nahrung finden, sind die Hautschuppen der Badenden ein begehrtes Futter.

Mögliche Infektionen – das größte Problem

Die Idee, diese Fischtherapie auch in Deutschland anzubieten, wirkt bestechend. Denn die Fische knabbern die Plaques tatsächlich sauber ab, sodass die Patienten zumindest vorübergehend vom quälenden Juckreiz befreit sind. Doch aus hygienischer Sicht sind Zweifel angebracht: So kommen die Fische beim Knabbern auch mit dem Blut des Patienten in Kontakt und können damit zu potenziellen Krankheitsüberträgern werden. Eine 10-tägige Quarantäne der Fische, bevor sie beim nächsten Patienten eingesetzt werden, hält Dr. Matthias Augustin von der Uniklinik in Freiburg für völlig unzureichend. Absolute Sicherheit würde nur die Verwendung der Fische bei einem einzigen Patienten bieten. Doch das will sich aus Kostengründen bislang kein Anbieter leisten. Völlig abwegig sind Angebote zur Fischtherapie im häuslichen Aquarium oder gar in der Regentonne. Fragen Sie einmal einen Aquarianer, wie rasend schnell so ein Warmwasseraquarium verkeimt. Und dahinein sollen Sie z. B. Ihre Ellbeuge zum Abknabbern halten?

Die Fischtherapie kann Psoriasis nicht heilen

Zwar ergab die bislang einzige und kleine Studie der Universität Sivas zu den Doktor-Fischen, die 2000 im Journal of Dermatology erschien, eine Besserung bei 40 % der Patienten, die in Kangal eine dreiwöchige Badekur gemacht hatten. Welche Rolle das Thermalwasser für die Erfolge spielte, konnte die Studie jedoch nicht beantworten, da es keine Kontrollgruppe gab. Vieles spricht dafür, dass die Fische nur den Weg für die heilsamen Wirkungen des Wassers freigemacht haben. Denn dieses enthält reichlich Selen und Schwefelsalze, die beide entzündungshemmend wirken. Für das Berliner Psoriasis-Forum, eine erfahrene Selbsthilfe-Organisation, ist klar: Die Fischtherapie kann Psoriasis nicht heilen. Sie kann allenfalls Teil einer umfassenden Psoriasistherapie sein.

Unser Rat: Solange die Fragen der möglichen Infektionsübertragung durch die Fische nicht geklärt ist, sollten Sie auf einen Versuch mit den Doktor-Fischen verzichten – es sei denn, Sie erhalten die Garantie der Klinik, dass die Fische ausschließlich an Ihnen knabbern werden.

Mehr zum Thema lesen Sie hier:


Artikel bewerten
Durschnittliche Wertung:
3 Sterne
Wertungen:
2 insgesamt
Artikel weiterempfehlen
Kommentar abgeben

* = Pflichtfeld, bitte unbedingt ausfüllen

Kommentare Kommentar abgeben