Die Psychotherapie entdeckt das heilsame Erzählen
Sylvia Schneider in Naturmedizin aktuell
vom 12.12.2007 06:00 Uhr
GNL5356
Wer Kummer hat, sollte sich diesen von der Seele reden. Denn sonst bleibt er in Körper und Seele stecken und macht krank. Diese Erkenntnis des gesunden Menschenverstandes findet Eingang in neue Behandlungsformen der Psychotherapie:
- Die narrative – die erzählende – Therapie will dem Betroffenen die Möglichkeit geben, über Erlebnisse oder Probleme zu erzählen. Das ist anders als bei der klassischen Psychoanalyse, bei der es darum geht, frühe Verletzungen des Ichs aufzuspüren. Das bewusste Erzählen und sich Sichmitteilen wirkt sich positiv auf Seelen- und Körper"knoten" aus. Nur was erzählt werden kann, bleibt Ihrer Erinnerung zugänglich und kann aber auch von Ihrer Psyche als „bearbeitet abgelegt“ werden, so die Erfahrung der narrativen Therapeuten. Zu dieser Behandlungsform zählt auch die gelenkte Autobiografiearbeit, bei der der Lebenslauf eine wichtige Rolle spielt.
- Die Poesie- und Bibliotherapie regt die Betroffenen an, entweder selbst zu schreiben oder Texte anderer zu interpretieren. So sollen sie Zugang zu Problemen bekommen, die sonst ausgeklammert bleiben. Das Schreiben eines Tagebuches hilft vielen ganz besonders. Es stärkt das Ich und ist eine kreative Form, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen, Gefühle wahrzunehmen und Bilanz zu ziehen. Das kann gerade für Schwerkranke wichtig werden. Bewährt hat sich diese Behandlung vor allem bei Depressiven, Alkohol- und Drogenabhängigen und Essgestörten. Auch Krebskranke profitieren vom Schreiben. Das Verfassen von Gedichten oder Prosatexten kann ebenfalls eine hilfreiche Form der Verarbeitung sein. Die therapeutische Beschäftigung mit Sprache und Literatur hilft, Erlebnisse und Gedanken zu ordnen, die Seele zu entlasten und sich dem Therapeuten im Gespräch mitzuteilen. Denn auch wenn Sie über andere sprechen, können Sie eine Menge über sich sagen und damit für sich klären.
- Die Märchentherapie setzt auf die Bilderkraft, die Märchen in Ihnen freisetzen können. Märchen bieten ebenfalls Gelegenheit, sich mit wichtigen Lebensthemen auseinanderzusetzen. Die Bilder, die hier vermittelt werden, sind Ausdruck allgemein menschlicher Situationen und Gefühle. Sie ermöglichen zu erkennen, dass andere ähnliche Erlebnisse haben, dass sie ähnliche Probleme kennen und ähnliche „Verkorkstheiten“ aufweisen. Märchen können Trost und Sicherheit spenden, denn sie geben die Erfahrungen vieler Generationen weiter. Sie können aber auch neue Wege aufzeigen und neue Sichtweisen eröffnen. Bei der Märchentherapie wählt der Therapeut ein Märchen aus, das entweder er oder Sie vorlesen. Dann dürfen Sie sich eine Person aussuchen und das Märchen aus ihrer Sicht noch einmal erzählen. Aus Ihrer Erzählung werden Sie dann gemeinsam mit dem Therapeuten versuchen, Parallelen zu Ihren Leben zu suchen und diese einer genauen Analyse zu unterziehen.