Die Grenzen zum Zwang sind fließend
Sylvia Schneider in Naturmedizin aktuell
vom 31. Januar 2012, 06:00 Uhr
GNL5356
„Hilfe, hab ich mein Bügeleisen ausgemacht?" Mal ehrlich: Wie oft gehen Sie zurück, um sich zur Sicherheit noch mal zu vergewissern, ob Sie den Herd ausgemacht, die Tür wirklich abgeschlossen oder den Computer abgeschaltet haben? Ich selbst mache das regelmäßig. Und ich weiß von vielen Frauen, die ebenfalls mehrfach nachschauen. Meistens wissen wir, dass alles in Ordnung ist. Nur können wir uns nicht mehr daran erinnern, das Bügeleisen ausgestellt beziehungsweise den Stecker aus der Dose gezogen zu haben - selbst wenn Sie noch niemals vergessen haben, es abzuschalten. Für viele Frauen entwickelt sich dieses Verhalten irgendwann von der alltäglichen Kontrollhandlung über die Marotte zum echten Zwang.
Die Grenzen sind fließend. Der Unterschied zwischen einem normalen „Tick" und einer Zwangsstörung ist, dass der Zwang die Betroffenen beherrscht, ohne dass sie dagegen etwas tun können. Das heißt: Wenn Sie vorsichtshalber noch mal nachschauen, ob die Haustür wirklich abgeschlossen ist, handeln Sie im normalen Rahmen. Wenn Sie aber mehrfach kontrollieren und über den Tag hinweg die Grübelei darüber nicht loswerden, dann leiden Sie unter einem Zwang.
Die Betroffenen fühlen sich gezwungen, bestimmte Handlungen immer und immer wieder auszuführen. Das kann - je nach Schwere der Erkrankung - etliche Stunden am Tag in Anspruch nehmen. Am Ende steht oft die totale Erschöpfung. So wie bei unserer Leserin Elisa E. (47), die morgens etliche Stunden früher aufsteht, um vor ihrem Abmarsch zur Arbeit zu kontrollieren, ob sie in ihrer Wohnung alle Elektrogeräte ausgestellt hat. Oder Hanna R. (53), die aus Angst vor Krankheitserregern täglich fast drei Stunden duscht. Birgit B. (49) hat keine Zeit mehr ihre Freunde zu treffen, denn sie muss wieder und wieder ihre Badfliesen wienern. Redakteurin Gertrud K. (47) zählt von morgens bis abends die Zahlen von 1 bis 100 auf. Alles, was sich zählen lässt, zählt sie.
Diese Symptome können Sie auf einen Zwang hinweisen:
- Sie leiden unter „aufdringlichen" Gedanken.
- Sie leisten inneren Widerstand dagegen.
- Sie empfinden diese „aufdringlichen" Gedanken als widersinnig.
- Dennoch ergreifen diese Besitz von Ihnen und beeinträchtigen schließlich Ihr Leben.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Maritta Meckes (31.01. 2012 07:15 Uhr):
Man sollte mehr Vertrauen zu sich selbst haben; ich schaue nie nach, ob das Bügeleisen, der Herd, das Licht aus, der Wasserhahn zu, die Tür abgeschlossen ist - ich weiß, dass das so ist. Kenne diese Unsicherheiten aber aus meinem Umfeld.
Antworten - Kommentar von Anna Salchner (14.02. 2012 11:36 Uhr):
Auch ich habe normale "Zwänge", weil ich immer in Gedanken bin, vergaß ich schon einiges, was Unangenehmes mit sich brachte. Da glaubt man umso leichter man hat es nicht getan. Und gerate in Schuldbewusstsein und Aufregung. Verstehbar. Schlimmer ist mein zwanghaftes Verhalten von Schlafentzug, innere Auseinandersetzung, usw., die ich bis jetzt auch mit einer Psychotherapie nicht in den Griff bekommen habe.
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