Blindes Vertrauen zum Arzt? Leider ein Auslaufmodell!

unserer Amerika-Korrespondentin Jenny Thompson in Täglich Gesund
vom


von unserer Amerika-Korrespondentin Jenny Thompson

Lieber Leser,

eine gut gekleidete, attraktive junge Dame betrat die Praxis eines Arztes und zog einen Rollwagen hinter sich her. Auf diesem Rollwagen war ein großer Karton befestigt, auf dem nur ein Wort riesig auf die Seite gedruckt war: Viagra.


Nun, das ist nicht die Einleitung für einen Witz. Ein Freund von mir beobachtete die Szene, während er im Wartezimmer seines Urologen saß. Und weil er meine Artikel liest, wusste er sofort, dass die Frau eine Repräsentantin eines Arzneimittelkonzerns war und dass ihr Karton mit kostenlosen Exemplaren des begehrtesten Mittels gegen erektile Dysfunktion gefüllt war.

Und wie wurde sie von den Angestellten empfangen? "Sie ging mit ihnen um, als sei sie eine Kollegin" sagte mein Freund, "fragte die Sprechstundenhilfe, wie es den Kindern geht und unterhielt sich mit einer anderen über den letzten Urlaub."

Was ist an diesem Bild falsch? Nun gar nichts. Die Frau macht, was alle Vertreter seit Jahrzehnten tun. Aber gerade, weil an diesem Bild nichts falsch ist, sendet es eine wichtige Botschaft aus, derer sich jeder Patient, der einen Arzt besucht, bewusst werden sollte: die Dinge haben sich verändert.

Das alte Doktor-Patienten-Vertrauen – was in früheren Zeiten automatisch entstand – ist nun überholt. Das Verhältnis ist ein anderes. Und wenn Sie jetzt nicht in Alarmbereitschaft sind, könnte Sie das, was Sie nicht wissen, verletzen.

In einem erst neulich auf NBC gezeigten Report fragte der Medizinjournalist Robert Bazel: Ist es unethisch für Ärzte, Vergünstigungen von Arzneikonzernen anzunehmen? Die Frage wurde nicht sofort beantwortet, aber die Antwort kam indirekt, als ein Arzt dem Journalisten berichtete, dass die beste Vergünstigung, die er jemals von einer Arzneimittelfirma erhalten habe, eine sehr teure und komplett bezahlte Reise in den frühen 80ern für sich und seine Frau nach Monaco gewesen sei.

Aber es hat sich alles verändert, so dieser Arzt, der die Ferien in Monaco genossen hatte. Heute, sagt er, bekommt man, wenn man sich wirklich anstrengt, vielleicht noch eine Reise nach Hawaii. (Helfen Sie mir bitte, in wie weit ist das wirklich eine Veränderung?) Aber davon ab kann ein Arzt jeden Abend ein nettes Abendessen mit einem Vertreter eines Arzneimittelkonzerns haben – wenn er sich nicht daran stört, einem Verkaufsgespräch zuhören zu müssen.

Natürlich nennen das die Repräsentanten der Firmen nicht Verkaufsgespräch. Sie nennen es "Information".

Information, Verkaufsgespräch – nennen Sie es so, wie es Ihnen gefällt, es bleibt ein Verkauf. Und diese Verkaufsmasche ist ein Teil eines Doppelangriffs. Ihr Arzt bekommt Speis und Trank (und manchmal einen Urlaub) während Sie in Anzeigen und Fernseh-Werbespots beworben werden. Jedes Mal, wenn Sie also ein Behandlungszimmer betreten, in dem Moment, nur Sie und Ihr Arzt, sind Sie beide nicht wirklich alleine, weil Sie beide schon bis ins einzelne konditioniert wurden, die entsprechenden Produkte zu kaufen.

Richard Kravitz, ein Medizinprofessor der Universität California, führte neulich mit einem Team von Wissenschaftlern eine unübliche Studie durch, um die Effekte dieser Werbung auf Ärzte zu untersuchen.

Die Wissenschaftler beauftragten verschiedene Schauspieler, die auch als "Standardpatienten" (SP) bezeichnet wurden, mehr als 150 Internisten und Hausärzte zu besuchen. In rund 300 Besuchen beschrieben die SPs die Symptome einer heftigen Depression. Wenn sie ein Antidepressivum mit Namen erwähnten (Paxil), erhielten mehr als die Hälfte von ihnen ein Rezept. Wenn sie nach einem Arzneimittel fragten, ohne ein spezielles Produkt zu erwähnen, erhielten mehr als 75 % eine Verschreibung. Wenn jemand kein Medikament erwähnte, gab es noch in mehr als 30 % der Fälle eine Verordnung.

Bei der Hälfte ihrer Besuche beschrieben die SPs Symptome wie Stress oder Müdigkeit, die nicht wirklich auf Depressionen schließen lassen. Bei diesen Besuchen erhielten über 50 % der SPs eine Verschreibung, wenn sie Paxil erwähnten.

Diese Ergebnisse sind aufschlussreich, aber nicht wirklich überraschend. Was schon überraschend ist, ist der Trick der Studie: Alle dieser SPs besuchten die Ärzte unangemeldet, ohne einen Termin gemacht zu haben. In jedem Fall sah der Arzt einen Patienten, den er nie zuvor gesehen hatte, der einfach zu ihm kam, nach einem Rezept fragte und es – in den meisten Fällen – auch erhielt.

Sollten wir also regulierend eingreifen? Manche Kommentare zu der Studie, die ich gelesen habe, riefen nach neuen Gesetzen, um die Verbindungen zwischen Ärzten und Pharma-Firmen zu kontrollieren. Aber das ist nur unausgegoren. Ein Gesetz machen und alles ist in Ordnung? Wohl kaum.

Es ist an der Zeit, dass es zu einer Selbstregulation kommt. Mittlerweile verstehen mehr und mehr Patienten die vielen Wege, die Pharmakonzerne gehen, um die Wahl des Arztes bezüglich der Medikamente zu beeinflussen. Es wird Zeit, dass Sie Ihr Patienten-Arzt-Verhältnis überdenken, dass Sie verstehen, dass Sie einem Arzt nicht von vorneherein und automatisch vertrauen sollten. Das heißt nicht, dass Ärzte nicht unser Vertrauen verdienen. Aber wie die Studie von Professor Kravitz zeigt, muss Vertrauen verdient werden.

Zu guter Letzt. Jeder von uns ist verantwortlich für seine persönliche Gesundheit. Bei jeder Entscheidung, die ein Arzt trifft, muss ein verantwortungsbewusster Patient fragen: Ist diese Entscheidung verursacht durch meine Bedürfnisse oder durch ein Verkaufsgespräch eines Repräsentanten eines Arzneikonzerns?


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