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Ist Weinen wirklich weiblich?

Die Evolution, so sagt die Tränenforschung, hat das Weinen „erfunden“ und beim Menschen zu einer echten Sprache ohne Worte fortentwickelt. Es ist ein Mittel der Kommunikation, das auch dort funktioniert, wo es (noch) keine Sprache gibt – wie zum Beispiel bei einem kleinen Kind. Damit diese Verständigung klappt, muss auch die Umwelt begreifen, was das Weinen ausdrücken soll.

Es wird angenommen, dass Frauen dafür wegen ihrer Aufgabe als Mütter biologisch begünstigt wurden: Ihr Gehirn ist besser als das männliche dafür ausgerüstet, emotionale Reaktionen bei anderen zu erkennen und zu deuten, und sie können besser als Männer in die Kommunikation einsteigen – sowohl verbal, also mit Worten, als auch in den „Sprachen ohne Worte“, zu denen die Körpersprache (Mimik, Gestik, Augensprache) und die Sprache der Tränen gehören.

Der kleine Unterschied liegt im Gehirn

Wie neuere Hirnforschungen ergaben, ist das Corpus callosum im Gehirn – die Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften – bei Frauen im Durchschnitt deutlich kräftiger ausgebildet als bei Männern. So können Informationen aus dem zwischenmenschlichen Bereich rascher und in mehreren Hirnzentren gleichzeitig verarbeitet (und in Handeln umgesetzt) werden. Das erleichtert die Sprachfähigkeit, die nichtverbale Kommunikation und das „vernetzte Denken“. Wenn es gilt, Tränen zu deuten, arbeitet das limbische System – ein Hirnbereich, in dem ein und ausgehende Impulse mit Emotionen und Erinnerungen angereichert, also „menschlich gemacht“ werden – bei Frauen achtmal intensiver als bei Männern. Der amerikanische Tränenforscher und Psychologie-Professor an der Universität von Nevada, Dr. Jeffrey A. Kottler, fasst in seinem Buch „Die Sprache der Tränen“ diese biologischen Fakten mit den Worten zusammen: „Die Sprache der Tränen und die damit einhergehende emotionale Sensibilität gehören zu den neurologischen Stärken der Frau.“

Schämen Sie sich Ihrer Tränen nicht!

Dazu tragen auch Lerneffekte bei. Denn in fast allen Kulturen der Welt verstärkt die weibliche Erziehung diesen Unterschied zum Mann: Mädchen dürfen öfter, länger, ausdrucksstärker weinen als Jungen. Angehenden Männern wird das Tränenvergießen meist beizeiten abgewöhnt. Dadurch verlernt das männliche Geschlecht die angeborene Sprache der Tränen. Weder können viele Männer ihre Emotionen selbst gut in Tränen ausdrücken, noch verstehen sie immer richtig, was Frauen mit ihren Tränen sagen wollen. Fehldeutungen sind, wie auch die psychotherapeutische Praxis immer wieder zeigt, an der Tagesordnung: Weinende Frauen fühlen sich von Männern mißverstanden; Männer fühlen sich von weiblichen Tränen unter Druck gesetzt, manipuliert, genervt.

Weinen zu können, ist eine Stärke!

Ändern kann sich das nur, wenn beide Geschlechter zu einem neuen Verständnis des Weinens finden: Männer sollten anerkennen, dass die Sprache der Tränen eine zusätzliche Fähigkeit ist, die ihnen selbst im Laufe der Männlichkeitserziehung (fast) abhandengekommen ist. Frauen sollten für ihre Gabe zu weinen dankbar sein.

Internationale Vergleiche ergaben, dass die soziale Zuschreibung „Frauen weinen – Männer nicht“ überall dort besonders stark ausgeprägt ist, wo die Gesellschaft auf männlichen Wertsystemen beruht und speziell weibliche Fähigkeiten sozial eher abgewertet als anerkannt werden. Auf das Weinen bezogen, heißt das in diesen Kulturen: Tränen sind ein Ausdruck von Schwäche und Hilfsbedürftigkeit (wie das Weinen von Säuglingen); Emotionen zu zeigen, gilt als verächtlich und „weibisch“. Und mit steigender Tendenz gelten Emotionen selbst als Störfaktoren. In unserer Kultur haben die Frauen selbst diese Abwertung ihrer Tränen-Sprache weithin verinnerlicht.

Tränen spülen Stress weg

Tränen sind jedoch nicht nur ein Ausdruck von Gemütsbewegungen – zudem sehr unterschiedlicher Gefühle. Tränen dienen auch dem körperlichseelischen Stressabbau. Entwicklungsgeschichtlich gesehen, ist Weinen ein Mittel, um die schutzlose Phase der Kindheit besser zu überleben. Biologisch gesehen, hilft Weinen das ganze Leben hindurch bei der Reduzierung von ungesundem Stress. Denn dabei werden Stresshormone (vor allem Prolaktin), die der Körper in solchen Momenten im Übermaß produziert, über die Tränenwege ausgeschwemmt. Weinen senkt einen zuvor erhöhten Blutdruck, normalisiert den zu schnellen Puls, stoppt den Schweißausbruch. Die Tränenflüssigkeit dient also keineswegs nur der Augen-Reinigung, wie Wissenschaftler lange annahmen, sondern fungiert als „Klarspüler“ für den Gesamtorganismus: Schadstoffe werden ausgeleitet, und der Stressdruck auf alle Organe samt dem Gehirn wird vermindert. Nach dem Weinen kehrt Entspannung ein.

Jungen und Mädchen können von Geburt an gleich gut weinen, wie die Tränenforschung zeigt. Ab dem dritten bis vierten Lebensjahr lässt jedoch die Wein-Fähigkeit der Jungen im Vergleich zu den Mädchen bereits deutlich nach. Wer aber nicht weinen darf, weil er sich dann als „unmännlich“ vorkommt, benutzt andere Formen der Stressabfuhr – etwa körperliches Austoben, Herumschreien, Konkurrenzkämpfe, aggressives Handeln. Das sind die sozial als „sehr männlich“ angesehenen Methoden, mit Stress umzugehen.

Frauen brauchen weniger körperliche Aggressivität, weil sie leichter und besser weinen können. Ihre Tränen gestatten ihnen, mit vielen Stresssituationen fertig zu werden, ohne dabei womöglich anderen ein Leid anzutun. Dennoch gestatten sich auch viele Frauen nicht, zu weinen. Unser aller Wein-Verhalten unterliegt keineswegs nur natürlichen Impulsen, sondern starken sozialen Konditionierungen. Aufsteigende Tränen werden vom Gehirn in Windeseile bewertet: „Dürfen“ sie fließen – oder besser nicht? Vor dem Chef in Tränen (des Zorns, der Erniedrigung) auszubrechen, gilt beispielsweise auch unter Frauen als Zeichen der Schwäche. Und viele unterdrücken ihr Weinen sogar in der Familie, um Kinder oder Mann nicht zu verunsichern. Solche sozialen Regeln im Kopf beschneiden auch die weibliche Wein-Fähigkeit. Nicht selten braucht es dann (ebenso wie für Männer) den geschützten Raum einer Psychotherapie, damit befreiendes Weinen wieder möglich wird.

Warum Frauen in manchen Lebensphasen mehr als sonst weinen

Alles in allem weinen Frauen trotzdem öfter und länger als Männer. Das hat zum Teil biologische Gründe. „Dicht am Wasser gebaut“ haben viele Mädchen und Frauen in der Pubertät, in der Schwangerschaft und zu Beginn der Wechseljahre. Diese Phasen sind von körperlichen, psychischen und sozialen Umstellungen geprägt. Die Kölner Gynäkologin und Psychsosomatikerin Dr. med. Barbara Fervers-Schorre bezeichnet sie daher als spezielle weibliche Krisensituationen (und die Kraft der allermeisten Frauen, mit ihnen gut fertig zu werden, als große, nur selten gewürdigte Leistung). Plötzliche Tränenausbrüche kommen in diesen Phasen sehr häufig vor. Die physiologische (körperliche) Erklärung dafür ist: Der gesamte weibliche Organismus steht unter Stress. Das natürliche Mittel der Ableitung sind Tränen.

Öfter als Männer zu weinen, darf also für Frauen kein Grund zur Scham sein: Es ist normal und natürlich, dazu auch gesund. Nur bei schweren Depressionen und manchen Hirnverletzungen hat häufiges, „grundloses“ Weinen den Charakter eines Krankheitssymptoms – ähnlich wie das Nicht Weinen Können. Wer innerlich wie versteinert ist, bringt keine Träne heraus. Hilfe, das spannungslösende Ventil zu öffnen, kommt dann oft aus Situationen, in denen Weinen sozial erlaubt ist: ergreifende Musik, ein bewegender Anblick, eine anrührende Geschichte.

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